Von Günter Metken

Darstellungen des Orients treffen einen Nerv unserer Zeit, besonders wenn es sich um Sonder- und Sammlergebiete handelt. Geschirr, Fliesen, Kunsthandwerk (nicht selten zum Souvenir verkommen), Stoffe, Teppiche stoßen auf Interesse, desgleichen Koran-Illustrationen und Miniaturen des höfischen Raums. Wegen der Berührungspunkte mit Bildzeichen und kalligraphischen Gesten in der modernen westlichen Malerei hat man sich auch intensiv mit Schriftmodellen des Islam auseinandergesetzt, welche die Fläche – immer auf der Grenze von Ideogramm und raumgreifendem Schnörkel – anschaulich organisieren. Vorher schon hatte sich die europäische Jugendstil- und Reformbewegung das Ornament als nicht-deskriptive Form begierig einverleibt. Und ein Henri Matisse kam 1910 aus Paris speziell zur Islamischen Ausstellung nach München, um die Flächenmuster der Orientalen als mögliche Grundraster einer neuen dekorativen Malerei jenseits von Naturwiedergabe zu besichtigen.

Tiere und Pflanzen, kurz: alles Natürliche wird ja hier fest ins Ornament verflochten und büßt die Selbständigkeit der Glieder ein, wie es auch kaum autonome Motive gibt. Vielmehr überzieht ein stilisierter Dekor die Geschirre, Kacheln, Gewebe, Waffen und Geräte. Die Einheit von Glauben und Denkweise betonend, umspannt das Ornament die gesamte islamische Welt. Die Gleichförmigkeit im ganzen stimuliert eine raffinierte Nuanciertheit im einzelnen, die gelegentlich fast unterhalb unserer westlichen Wahrnehmungsschwelle liegt. Zwischen Nah- und Fernsicht bleibt das Mittelfeld der Erscheinungswelt weitgehend ausgespart. Widerspiegelungs-Tabus verbinden sich mit einer Faszination durch die Leere.

Obschon sinngebendes Gerüst der Künste, partizipiert auch das Bauen an diesem Gefühl des Vorläufigen, was ihr oft nur kulissenhafte Festigkeit, einen Scheincharakter gibt. Das Herz orientalischer Kulturen sind also Hüllen, vielfach offenstehend, in Stein und Stuck erstarrte, geblähte Zelte: Moscheen, Grabsteine, Bäder, Serails.

In solche Zusammenhänge gliedert sich der vorliegende Band ein, eher Handbuch für Kenner und Sammler als Überblick, denn die Spezialisierung auf Metallarbeiten, Keramik, Textilien, Kalligraphie und (Buch-)Malerei – Teppiche als zu umfangreiches Gebiet fehlen – schneidet die Architektur als Rahmen weg, in dem sich diese hochgezüchteten Disziplinen entfalten konnten, wo sie ihre Funktion hatten. So stehen Einzelstücke vor uns anstatt Ensembles wie im Topkapi oder den Moscheen Istanbuls. Sie alle verraten einen einheitlichen Stilwillen, der zu Recht mit dem Hofmilieu in Verbindung gebracht wird. Alle Sultane waren in einem Handwerk ausgebildet und kümmerten sich um die Hofwerkstätten. Dank den während ihrer Ausbildung an den Palast gebundenen und mit Prinzessinnen vermählten Pagen, welche dann die Provinzverwaltungen übernahmen, verbreitete sich der Geschmack der Osmanen-Herrscher im ganzen Reich, das heißt bis auf den Balkan, nach Arabien und Ägypten.

Eine solche Ausstrahlung zog natürlich Fremdeinflüsse nach sich, und tatsächlich hat sich das Osmanische Anregungen aus Anatolien, aus Byzanz – 1453 fiel Konstantinopel und wurde, nach Bursa, Hauptstadt –, und vor allem aus Europa anverwandelt, das die Sultane magisch anzog und dem sie schließlich erlagen. Bis auf die Schreibkunst und bestimmte Textilien wurde das türkische Kunsthandwerk im 17. und 18. Jahrhundert durch Barock und Rokoko überfremdet.

So hat es dieser Band mit Entfaltung und Höhepunkt der Osmanenmacht etwa von 1330 bis 1570 zu tun. Als fanatische Ulemas am Ende des 16. Jahrhunderts die Zerstörung eines von Sinan erbauten Observatoriums durchsetzen, ist dies ein Zeichen für die Verengung der Geister, die bald zum Stillstand der Wissenschaften, später auch zur Stagnation der Künste führen wird. Es bleiben uns diese Stichproben eines ebenso soliden wie erlesenen Geschmacks. Denn nicht ein einziges Prunkzelt der am liebsten im Freien lebenden Sultane erhielt sich, die sich, beweglich wie sie waren, die Natur mittels blumiger Kachel-Auen überallhin verlegen lassen konnten.