Bottrop: „George Rickey Plastiken“

Mit wehmütig-lautlosen Flügelschlägen verabschiedet sich George Rickey in Bottrop von Deutschland. Seit 1968, als der Amerikaner als Stipendiat des DAAD nach Berlin eigeladen wurde, hatte er dort beständig einen Atelierkoffer stehen. Nun verläßt er Deutschland wieder mit einer gestenreichen Hommage an seinen Künstlerfreund Josef Albers. Diese Werkschau vereint insgesamt 41 Plastiken, darunter zehn große Außenplastiken, dreiundzwanzig Raumskulpturen. Die Ausstellung ist zwar retrospektiv angelegt, denn gezeigt werden Arbeiten des heute 77jährigen Künstlers von 1958 bis zur Gegenwart; aber der Schwerpunkt der Auswahl liegt auf den letzten fünfzehn Jahren. Ein drei Quadratmeter großes Deckenobjekt aus beweglichen Stahlplatten im lichten Untergeschoß des Hauses hat der Amerikaner eigens für diese Ausstellung geschaffen. Kongenial, nicht anders läßt sich die Inszenierung dieser ästhetischen Symbiose aus Naturraum, Kulturraum und Kunstwerken bezeichnen. Die großen „outdoor pieces“ fügen sich mit ihren fragilen Pfeilarmen harmonisch in das Schilfgras des Sumpfgartens, ohne dabei die Natur nachzuahmen oder zu deuten. Wohl aber bewegen sich diese abstrakten Gebilde nach den Gesetzen der Natur. Der kubisch-statischen Geschlossenheit des Baukörpers antworten sie mit einer formlosen Räumlichkeit, wenn sich die Stäbe, Quadrate und Dreiecke zu imaginären Kuben verschieben. Im Gegensatz zur automatisch gesteuerten Maschinenkunst reagieren Rickeys ausgeklügelte Stahlkonstruktionen allein auf Luftbewegung. Es ist die geheimnisvolle Kunst der Schwerpunktverlagerung, die diesen Plastiken Anmut und kontemplative Sammlungsfähigkeit verleiht. Nicht von ungefähr werden Assoziationen zu gotischer Sakralarchitektur geweckt, wenn sich die Flügelarme und geometrischen Flächen spielerisch zu sphärischen Räumen formieren. Das Aufwärtsstreben und scheinbare Schweben evozieren diese Skulpturen durch die kunstvolle Verwendung der Kardanwelle und der verborgenen Widerlager. Eine frühe Arbeit von 1958, „The Bridge“, die in Bottrop beziehungsreich vor die gläserne Brücke zum Albers-Trakt gesetzt wurde, verweist auf die Wurzeln von Rickeys kinetischer Kunst: auf Calders Mobiles. Es ist ein verzweigtes Drahtgespinst, das wie ein Baum aus Triangeln und Trapezblättern zu einer kleinen roten Spitze emporwächst. Aus diesem anfänglichen stabilen Formenfluß entwickelt Rickey dann jene Ästhetik, die zum Kennzeichen seiner Arbeit wurde: das offene konstruktivistische Kräftespiel. Nicht immer überzeugen die Proportionen. Die Kleinmodelle sind weniger bewegend als die Großphotos der Freiluftoriginale, und auch im Park kommt es zuweilen zu exzentrischen Flügelkämpfen. Auf menschliches Maß zugeschnitten sind dann die kinetischen Kleinplastiken, die in einer Vitrine präsentiert werden: phantasievolle Ohrgehänge und Halsreifen, die nicht so sehr dem Quadrat huldigen, sondern ihrer schönen Trägerin. (Quadrat Bottrop, Im Stadtgarten 20, bis 14. Oktober, Katalog 5 Mark)

Christiane Vielhaber

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Berlin um 1900“ (Akademie der Künste bis 28. 10., Katalog 34 Mark)

Essen: „Georg Jiří Dokoupil“ (Museum Folkwang bis 18. 11., Katalog 35 Mark)

Hamburg: „Marino Marini“ (Kunstraum Hamburg, Osterfeldstr. 16. bis 30. 10., Katalog 35 Mark)