Von Elke von Radziewsky

Fernblicke von Bergeshöhen müssen erwandert werden, Stufe um Stufe", schrieb Aby Warburg. Ebenso steht vor jedem umfassenden Begreifen einer kunsthistorischen Epoche die Beschäftigung mit dem Einzelstück. Einstieg hierzu können knappe Monographien sein, die herausragende Kunstwerke, einzelne kulturelle Phänomene beleuchten. Unter dem Titel "Kunststück" gibt der Hamburger Kunsthistoriker Klaus Herding jetzt eine Reihe von Einzelanalysen heraus, die auf unkonventionelle Weise den Interessierten einen fundierten Zugang zur Kunstgeschichte ermöglichen.

Die neue Reihe knüpft an eine ganze Kette von, wie man das nannte, volksnah geschriebenen kleinen Monographien an, die allerdings gerade in den letzten Jahren nicht mehr als zeitgemäß galten. Um die Jahrhundertwende erschien eine Sammlung von "Kunstbüchlein wundersamer Art", die von Richard Muther betreute Reihe "Die Kunst". Die mit ihren Jugendstileinbänden damals auch optisch hochmoderne Sammlung setzte sich nicht nur für traditionelle Themen, sondern auch für die aktuelle Kunst ein: Edouard Manet und sein Kreis, den modernen Impressionismus, Giovanni Segantini, Beardsley, den japanischen Holzschnitt.

Einige Jahrzehnte später, seit 1943, gab Carl Georg Heise, auch ein Hamburger Kunsthistoriker, den "Kunstbrief" heraus. Im Zweiten Weltkrieg zuerst als eine Art Feldbücherei gedacht, die Kernstücke deutschen Bildungsgutes hohen Botschaften gleich vermitteln wollte, wurde die Reihe auch nach Kriegsende weitergeführt. Ihr Programm wurde ausgedehnt auf die "Höchstleistungen" der Malerei und Plastik anderer europäischer Länder. Aber keine Rede war mehr von Impressionismus oder Jugendstil, geschweige denn von moderner Kunst. Der Herausgeber war vorsichtig, die Themen waren über alle Parteinahme erhaben. Jetzt waren es die Gemälde der Künstler des 19. Jahrhunderts wie Runge, Pforr, Feuerbach und Thoma, die neben großen Werken vornehmlich deutscher Gotik, Renaissance und des Barock als kunsthistorisch Wissenswertes eingestuft wurden.

In den fünfziger Jahren wechselte Heise den Verlag und setzte das Programm ohne große Änderungen unter dem Titel "Werkmonographien der bildenden Kunst" bei Reclam fort. Hier erschienen auch Bändchen über Kunstwerke des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber es blieben die modernen Klassiker. Risikostücke wurden nicht aufgenommen. Seitdem das Erscheinen dieser Reihe eingestellt worden ist, fehlt auf dem deutschen Buchmarkt ein knapper von Kennern fundiert geschriebener Leitfaden für den dilettierenaen Kunsthistoriker.

Sicher: Ziel und Inhalt dieser Art von Werkmonographien waren fragwürdig geworden. Engagierte Kunsthistoriker hatten sich aus der populären Kunstschriftstellerei zurückgezogen. Theorie und Ästhetik standen im Vordergrund. Mit ihnen sollte Kunst neu verständlich gemacht und in eine lebendige Diskussion um Geschichte und Gegenwart integriert werden, Nur man blieb weitgehend unter sich, und lange Zeit wurde übersehen, daß damit die Kluft nicht nur zwischen moderner Kunst, sondern auch aktueller Kunstgeschichte und dem Bürger, den man ja eigentlich erreichen wollte, größer wurde.

"Kunststücke" sollen nun nicht nur die Meisterwerke und Museumsstücke sein. Neben dem berühmten Königsportal von Chartres, dem Pergamonaltar, der Bauernsäule oder der Sixtinischen Madonna sollen auch Massenkunst, Mickymaus, Karikaturen und Flugblätter vorgestellt werden.