Von Charlotte Kerner

Der erste Monsunregen trommelt im Frühjahr in Südostasien den Ochsenfrosch aus seinem Winterschlaf. Früher galten die Tiere als Glücksbringer, heute sind sie nur noch gejagte Devisenbringer.

In den westlichen Überflußgesellschaften nimmt die Nachfrage nach Froschschenkeln ständig zu. In der Bundesrepublik hat sich seit 1975 die Gesamteinfuhr dies.er Luxusspeise für Schicki-Mickis mehr als verdoppelt. Die deutschen Feinschmecker verzehrten im vergangenen Jahr knapp 540 Tonnen: die Hinterbeine von zwölf Millionen Fröschen.

Die Froschschenkel-Gelüste befriedigen hauptsächlich Indien und Bangladesh. Besonders Bangladesh exportiert mehr und mehr Beine des Ochsenfrosches (Rana tigrina). Das Land verhundertfachte seine Exporteinnahmen aus dem Froschhandel seit Anfang der siebziger Jahre. 1983 versandte das bettelarme Land per Luftfracht 3,2 Millionen Kilogramm Froschschenkel – meist tiefgefroren – in die Vereinigten Staaten, nach Australien und Europa. Der Erlös: insgesamt 7,5 Millionen US-Dollar. Die Opfer: 77 Millionen Frösche allein in Bangladesh. Dazu kommt eine tickende ökologische Zeitbombe in allen Exportländern (in ihnen werden jährlich zusammen 200 Millionen Frösche getötet). Denn die Amphibien, die sich hauptsächlich von Insekten ernähren, sind unschätzbare natürliche Schädlingsbekämpfungsmittel.

Kein Gourmet soll in Zukunft mehr genußvoll, aber gedankenlos, an den weiß-fleischigen Schenkelchen herumknabbern. Dafür will der World Wildlife Fund (WWF) sorgen. In der Bundesrepublik fordert die Umweltstiftung jetzt: „Laßt den Fröschen ihre Schenkel.“ Von Frankfurt aus koordiniert der Biologe Manfred Niekisch die neue Kampagne. Der „Projektleiter Artenschutz“ weist auf einen besonderen Widerspruch hin: Hierzulande werden ganze Straßen gesperrt, damit Frösche ungestört zu ihren Laichplätzen wandern können. Umweltschützer legen für die Amphibien sogar neue Lebensräume an. In der Dritten Welt dagegen fördern unsere harten Devisen den Ausverkauf der Natur.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde immer wieder versucht, Frösche für den Verzehr zu züchten. Bis heute gibt es keine arbeitende, erfolgreiche „Froschfarm“. Manchmal werden die natürlichen Lebensräume der Tiere einfach eingezäunt, doch bleibt die Bezeichnung „aus Froschfarmen“ in jedem Fall eine Lüge, weil alle Tiere aus Wildbeständen stammen.

Die fleischigen Hinterbeine des Ochsenfrosches wiegen 20 bis 60 Gramm und sind besonders beliebt. Der in Asien beheimatete Rana tigrina wird ausgewachsen 300 bis 400 Gramm schwer. Vier Fünftel seines Lebendgewichtes – Rumpf, Kopf und Vorderbeine – landen freilich meist auf dem Müll und nur selten im Futtertrog von Haustieren. Die einheimische Bevölkerung verzehrt fast nie Froschschenkel.