ARD, Donnerstag, 27. September: „Pro und Contra. Retortenbaby – Hoffnung oder Irrtum der Menschheit“

Was, zum Kuckuck, hindert eigentlich Rundfunkanstalten daran, Grundfragen der menschlichen Existenz, Probleme, bei denen es um den Bestand der Spezies homo sapiens geht, in gebührender Ausführlichkeit, also so umfassend und verständlich wie möglich, zu behandeln? Was könnte Institutionen, die einen gesetzlich vorgeschriebenen Bildungsauftrag zu erfüllen haben, davon abhalten, der Frage „Dürfen Menschen alles tun, was sie tun können?“ das gleiche Gewicht wie einer Quizsendung oder einem Schlagerwettbewerb zu geben? Die Antwort ist einfach: Das Programmschema steht dem entgegen – ein Schema, das Prioritätssetzungen nicht zuläßt. Jede Sendung hat ihre genau bemessene Sekundenzahl, und wenn überzogen wird, dann allein wegen der Bedeutung, die einer bestimmten Fragestellung, der Natur des sogenannten Charmes eines Entertainers (unter Umständen sogar wegen eines Elfmeterschießens), aber nie wegen der Bedeutung, die einer bestimmten Fragestellung, der Natur des behandelten Gegenstandes entsprechend, zukommt.

Kein Wunder also, daß in der von Emil Obermann geleiteten Sendung „Pro und Contra“ das Problem der Retortenbabys in zweiundvierzig Minuten über die Strecke gejagt werden mußte. Man stelle sich vor: Elternhilfe oder erster Schritt zur Hoch- und Geniezüchtung, einer extrauterinen womöglich, irgendwann einmal; Beistand in seelischer Not oder Ingenieurkunst, die Embryonenabtötungen nüchtern einkalkuliert; Hohelied der Verantwortung oder Spottgesang zur Schande sogenannter Leihmütter, die das besamte Ei irgendeines hochvermögenden Paares austrägt, das schwangerschafts- und entbehrungslos zum eigenen Kind kommen möchte... und dies alles, und noch viel mehr, abgehandelt in zweiundvierzig Minuten. Abgehandelt? Nein, verschenkt und vertan in einer Pro-und-Contra-Sendung, weil keiner den Mut hatte zu sagen: Unter einundeinerhalben Stunde – mindestens! – fangen wir gar nicht erst an. Verschenkt und vertan, weil keiner der beiden Anwälte sich das Ablesen vorgefertigter statements verbat – die „Befragung“ der Sachverständigen: eine läppische Farce! Verschenkt und vertan schließlich, weil niemand, unter allen Beteiligten, auf den Tisch zu hauen wagte und hernach das in der verfahrenen Situation einzig Angemessene sagte: „Entweder wir erörtern das Problem, in einer kontroversen, ausführlichen, zwischen Darstellung und Infragestellung des Tatbestands hin und her pendelnden Diskussion, in freier Rede und wechselseitigem Aufeinandereingehen oder wir brechen ab, verweigern uns der Durchpeitscherei und dem unwürdigen Antreiben des Sekunden, aber nicht Gedanken wägenden Moderators, hören auf, einen Disput über machbare, wünschbare, verwerfbare Kunstmenschen nach der Art einer Quizveranstaltung durchzuführen (‚Sie haben zwanzig Sekunden Zeit, Herr Müller, um die Frage zu beantworten: Wann wurde Julius Cäsar geboren?’) und machen derart – ein einziges Mal jedenfalls! – klar, daß es Probleme gibt, die sich per se einem Zeitdiktat, einem absurden dazu, versagen.“

Kurios, kurios: Da traten Leute an, um das Humane in seine Rechte zu setzen – und beugten sich den Gesetzen barer Inhumanität: dem Diktat der Sekunde, das um 21 Uhr 01 die Glücksspirale und Bios Bahnhof verlangte. Momos