Von Tom R. Schulz

Gitarristen gibt es unzählige. Ob sie Transkriptionen von Lautenmusik alter Renaissance-Meister spielen oder die Werke zeitgenössischer Komponisten interpretieren, ob sie den Idolen der Jazz-Gitarre nacheifern oder sich Rock-’n’-Roll-Virtuosen zum Vorbild erkoren haben: sie sind fast nie allein mit ihrer Leidenschaft. Vielmehr sehen sie sich einer Unzahl fleißiger und begabter Kollegen gegenüber, die, wo es ums Geldverdienen geht, schnell zu Konkurrenten werden. Bei einem solchen Überangebot ist es für einen Gitarristen wohl noch schwerer als für jeden anderen Instrumentalisten, einen eigenen Stil zu entwickeln und so unverwechselbar zu werden, daß man an seinem Spiel nicht mehr vorbeikommt.

Das Standard-Repertoire der klassischen Gitarrenliteratur haben die Schallplattenfirmen weitgehend und in oft erstklassigen Interpretationen der wenigen Großmeister wie Andrés Segovia, Narciso Yepes oder Julian Bream vorgelegt. Was bleibt einem jüngeren Konzert-Gitarristen, der auch gehört werden will, also übrig, als nach bisher noch nicht eingespielten Werken Ausschau zu halten, sie aufzunehmen und die Plattenveröffentlichung mit einigen Werken des üblichen Programms aufzupolieren, damit sich das Produkt überhaupt verkauft? Denn im Unterschied zu einigen Spezialisten und enzyklopädischen Sammlern unbekannter Werke interessiert sich das zahlende Publikum kaum für ein ihm bislang gänzlich unbekanntes Repertoire.

Diesen Weg geht der Gitarrist Eliot Fisk auf seiner kürzlich erschienenen LP

„Eliot Fisk spielt Villa-Lobos, Sojo, Morel, Barrios Mangore“; EMI 14-6757-1.

Den berühmten „Zwölf Etüden für Gitarre“ des Brasilianers Heitor Villa-Lobos stellt der Gitarrist hier Werke weniger bekannter südamerikanischer Komponisten gegenüber, mit denen er, wie er in einem Kommentar darlegt, „ganz unbefangen erfrischen und (im besten Sinne des Wortes) unterhalten“ will. Das gelingt ihm auch, obwohl die kleinen Stücke oft recht vertrackt und alles andere als leicht zu spielen sind. Der von Andrés Segovia mit den besten Empfehlungen ausgestattete Musiker hat nur leider (noch) die Eigenart, seine ungewöhnliche Virtuosität allzu leichtherzig und unbekümmert auch da anzuwenden, wo manches Mal eher ein Innehalten gefragt wäre.

So klingen einige der technisch als mörderisch schwer verschrienen Etüden unter Fisks Händen zwar wie ein Kinderspiel; aber wenn man weiß, mit welcher musikalischen Nuancierung und Tiefe etwa Yepes oder Segovia selber, dem das 1929 entstandene Werk gewidmet ist, diese Musik spielen, dann wird einem schnell klar, daß diese Etüden eben nicht wie ein Kinderspiel klingen dürfen. Denn dann verlieren sie an Gehalt und können die Dimension, die ihnen der Interpret in seinem Kommentar selber zuschreibt („ein Werk mit noch nie dagewesenem technischem Anspruch und musikalischem Reichtum“) nicht erreichen.