Manchmal, in seltenen und kostbaren Augenblicken, zerreißt in unserem Hirn ein Schleier, ein Nebel, was auch immer, und mit einemmal sehen wiretwas deutlich, was wir vorher kaum ahnten, sehen neu, was wir längst zu kennen glaubten. Anlaß kann der Anblick einer alten Gießkanne sein, eine Begegnung, Wind und Baum. Manchmal, in noch selteren Augenblicken, ist der Anlaß ein Text, ein Gedicht, ein Lied. Hör dir das mal an! sagte ein Freund, ein gelernter Nationalhymnenhasser wie ich, nachdem er den italienischen Rotwein in die französischen Gläser gegossen hatte.

„Ja, du arme, kleine Melodie...“, tönte es leicht verknistert aus dem japanischen Minikompaktlautsprecher, dazu spielte eine Gitarre das Kaiserquartett von Josef Haydn. „Du arme, kleine Melodie, was haben sie denn mit dir gemacht? Du bist ja ganz geschwollen ...“ Wie fein, warm und durchsichtig ist sie doch, des deutschen Intellektuellen ungeliebte Melodie, wie wunderschön ist doch die Nationalhymne, die wir uns so scheuen, die unsere zu nennen!

„...Aber weißt du“, fährt die Stimme fort, „der Hoffmann von Fallersleben, der den Text zum Deutschlandlied gedichtet hat, der hat eben Deutschland einfach geliebt, das kann man sich heut gar nicht mehr vorstellen. Und wenn jemand verliebt ist, dann sagt er eben, der andere wäre das Größte und Schönste in der Welt und daß man ganz fest zusammenhalten muß von der Etsch bis an den Belt, weil sich Schleswig-Holstein auf Welt halt nicht reimt, ist doch klar...“

Taubenfüßig, im spöttisch warmherzigen Parlando dargeboten, kommt die Kunst des Christof Stählin daher, schlicht, oft gar gereimt, dabei blitzgescheit, sensibel und wach, ein Fest für den Intellekt. Ein Fest aber auch für jene in der Betriebsamkeit immer wieder verschüttete Sehnsucht in uns, die wir erst dann wahrnehmen, wenn jemand wie Christof Stählin so taktvoll, aber deutlich daran rührt: Denn alle Lust an ätzender Satire hin, alles Vergnügen an brillanten Einerseits-andererseits-Analysen her – ist es nicht eigentlich die ars amandi, nach der wir uns sehnen, jene so selten gewordene Kunst der Liebens trotz alledem, die angesichts von Wunden, Verunstaltungen und Verletzungen nicht mit Säure spritzt, sondern nach Verband und Salbe Ausschau hält?

Kein Mann der wütenden Blitze also, dieser Christof Stählin, auch keiner der schönen, giftigen Melancholie, sondern einer, der mit Sorgfalt und Neugier die Welt anschaut, um zu lieben, wo er lieben kann, der weiß, daß der Hinweis auf Positives mindestens so provoziert wie das Negative, der (auf der Platte „Das Einhorn“, für die er den Deutschen Schallplattenpreis erhielt) nach „Kaiserquartett und Deutschlandlied“ die Schönheit der Schneeflocken besingt:

Irgend ein Nirgend

hat sie geboren.