Der Anfang dieses Bilderbuchs entspringt der Ideenwelt eines Magritte: ein dichtes Waldstück, mitten darin, hart kontrastierend zum Samtgrün der Vegetation, eine hölzerne Tür, keine zehn Zoll breit geöffnet, und aus dem Türspalt quillt weiches Dämmerlicht.

Magritte malte das Zusammentreffen beziehungsloser Gegenstände mit der Absicht, sie aus dem traditionellen Kontext der Gefühle herauszulösen. Wenn er in einem großbürgerlichen Interieur durch die Kaminwand eine Lok rasen läßt, den Dampf der verkleinerten Lokomotive durch den Kaminabzug schickt („Die durchbohrte Zeit“, 1939), so macht er sich nicht nur die Kombinations-Mechanismen des Traumes zunutze, zielt nicht auf bloße Verrätselung des Banalen, sondern zwingt vor allem den Betrachter zu ganz neuen Denkbildern, weil der bislang vertraute Zusammenhang der Dinge „gestört“ ist.

Auf Kinder wirkt diese Strategie der Bildkomposition, die Verrätselung des Alltäglichen mit seiner subversiven Wirkung aufs Bewußtsein weit weniger irritierend und bestürzend als auf Erwachsene. Sie beantworten das poetische Spiel einer Verzauberung viel unbefangener, weil sie nicht in den starren Schemen erwachsener Vernünftigkeit gefesselt sind. Daß im Wald also eine Tür wächst, die zur Behausung des alten Mannes führt, daß die Möbel – Truhe, Teppich, Sessel – mitten zwischen den Bäumen ausgebreitet sind, ist eine Metapher, die Kinder aus Märchen kennen.

Da hockt er also im spießigen karminroten Ohrensessel und blättert in einem dicken Buch: Großvater Dämmerlicht, schneeweiß, mit einem Habit aus den Farben des Abendhimmels, lichtblau wie die Skabiose und rosefarben wie Malvenblüten. Aus der großen, schier endlosen Perlenkette in einer hölzernen Truhe löst er eine winzige Perle, nimmt sie behutsam in die Handfläche und trägt sie mit unendlicher Vorsicht durch den flüsternden Wald ans große Wasser. Während er sie in den Händen hält, wird sie größer, strahlender, schöner. Am Ufersaum angekommen, entläßt er die Perle wie einen riesengroßen, zarten, fliegenden Ball in die Stille über dem Meer. Und der glänzende große Ball schwimmt zwischen den Wolken am Himmel. Der alte Mann geht zurück, wendet sich keinmal um. Hinter ihm das elfenbeinfarbige, gleißende Dämmerlicht des Mondes. Er geht auch die Tür. Er findet Katze und Hund. Er ist zu Hause. Legt sich schlafen. Der weiße Bart verschwindet mit den wattig hingezupften Wolken, dem Malventon und dem Blau des Abendhimmels auf seiner Bettdecke.

Ein leises, poetisches Bilderbuch, behutsam in der Sprache (sehr schön übersetzt von Viktor Christen) und zart in der Illustrationsgeste.

Barbara Berger: „Großvater Dämmerlicht“, aus dem Amerikanischen von Viktor Christen; Gerstenberg Verlag, Hildesheim; 32 S., 19,80 DM.

Ute Blaich