Von Walther Stützle

Der Dialog zwischen Moskau und Washington ist verstummt. Frost hat sich auf die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen gelegt. Wechselseitige Polemik ist an die Stelle konstruktiver Verhandlungen getreten. Der Wunsch nach Rüstungsbegrenzung wird nur noch in der Form des Vorwurfs an den jeweils anderen formuliert, daß er sie nicht wolle. Und auch in den Bündnissen knirscht es. Westeuropa und die Vereinigten Staaten haben das ehedem vorhandene Einvernehmen über eine vernünftige Politik gegenüber beziehungsweise mit der Sowjetunion verspielt. Und die Beiträge der Bündnispartner Washingtons fallen auch nicht gerade durch Originalität auf. Das gilt nicht nur für die Abrüstung. Wo bleibt das dringend notwendige Konzept, um die Länder der Dritten Welt vor dem Zusammenbruch durch den Zinsendruck – Ergebnis hoher Verschuldung – zu bewahren?

Sand ist auch im Getriebe der östlichen Allianz. Kein Beobachter weiß ganz genau, wer vom Kreml aus Riesenreich und Warschauer Pakt regiert. Der Revanchismus-Vorwurf gegen die Bundesrepublik muß jedenfalls wieder als Kitt fürs Bündnisgefüge herhalten. Honecker erschien der verbliebene Spielraum zu gering, um jetzt mit Aussicht auf sichtbaren Erfolg in die Bundesrepublik reisen zu können. Kurz: Es gibt hinreichend schwierige Probleme, aus denen leicht Krisen, sogar ernsthafte Konflikte entstehen können.

Wer jedoch mangels Dialogbereitschaft erst einmal in eine Krise hineingeschlittert ist, wird sich schwertun, sie friedlich zu beenden. Krisenbewältigung verlangt nämlich nicht nur Standfestigkeit, sondern die Fähigkeit zum ausgehandelten Kompromiß. Diese politische Grunderfahrung wird zu einem günstig gewählten Zeitpunkt in Erinnerung gerufen von:

Gerd Schmückle: „Das Schwert am seidenen Faden. Krisenmanagement in Europa“; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984; 192 S., 19,80 DM.

Der Verfasser, erprobter Buch-Autor und gelernter Soldat, läßt die Berlin-Krisen 1948 und 1958 bis 1962, miterlebt als Pressesprecher und Vertrauter von Franz Josef Strauß, damals Verteidigungsminister, Revue passieren. Schmückle erinnert sich an die Reaktion der Nato, als Moskau 1968 den Prager Frühling „niederpanzerte’’, und er zeichnet noch einmal den Auszug de Gaulles aus der militärischen Integration der Nato nach, vollzogen in den Jahren 1966 auf 67.

Schmückle schreibt mit dem Wissen eines oftmals an wichtiger Stelle Dabeigewesenen. Er verschweigt seine Rolle als Zeitzeuge nicht. Schließlich hat er zuletzt die Spitzenposition des stellvertretenden Oberbefehlshabers der Nato innegehabt. Seine Erfahrung: Der militärische Teil der Nato ist fähiger als der politische, Krisen früh zu erkennen und sich auf ein koordiniertes Handeln einzustellen. Verwunderlich ist dieses Urteil nicht. Das Ausmaß militärischer Intervention bleibt wohl für die politische Seite der westlichen Allianz unerreichbar. Zu Recht ruft Schmückle in Erinnerung, daß es mit der erhofften politischen Verschmelzung Westeuropas zu einer handlungsfähigen Einheit nicht weit her ist. Vielmehr feiern nationale Egoismen fröhliche Urständ. Das aber schwächt, so urteilt der Autor treffend, den Einfluß Westeuropas auf die politischen Entscheidungen in Washington. Und gerade dann, wenn es auf schnelle, aber politisch gründlich überlegte Entschlüsse ankommt – in der Krise – werden sich die meisten Westeuropäer überspielt finden, wird ihr politischer Rat unberücksichtigt bleiben.