„Eine von den Verfolgern gejagte Arztfrau verbrachte viele Monate mit Bettlern und Landstreichern in einem öffentlichen Armenhaus, das sie nur zu verlassen wagte, wenn sie einen Freund aufsuchte, der sich in einer Irrenanstalt verborgen hielt. Es bedurfte der Anrufung zweier Gerichte, um die Behörde davon zu überzeugen, daß dieses gespenstische Milieu, das nur Goya hätte darstellen können, menschenunwürdig i. S. von § 47 BEG sei.

Man sträubt sich fast, es zu glauben. Was ist menschenunwürdig, wenn nicht diese letzte Demütigung? Die Behörde ließ einwenden, die Zuflucht sei von der öffentlichen Hand eingerichtet und betreut worden. Sie scheint also gemeint zu haben, daß die amtlich vorgeschriebene Verwendung von Seife und Lysol diesen Ort zu einer menschenwürdigen Stätte für jedermann erhebe. Dieser Gedankengang ist erschreckend. Wie tief ist die Vorstellung von der Menschenwürde gesunken! Nicht das ist das Schlimmste, wie man mit Menschen verfahren ist; noch schlimmer ist die Verwüstung des Menschenbildes im Menschen, denn sie wirkt fort, und kein Überfluß kann diese Wunden zudecken.

So beschämend der Hergang, so dankbar sollte man sein, daß er an die Oberfläche gelangte. Der Kritiker der Wiedergutmachung vergißt nur allzuleicht, daß es Dinge gibt, die man nicht lernt, sondern in sich trägt und daß alle Mühen der Gesetzgeber und aller guter Wille der Verwaltung dort machtlos sind„ wo einer nicht weiß, was menschenwürdig ist.“

Aus: Walter Schwarz, „In den Wind gesprochen? Glossen zur Wiedergutmachung des nationalsozialistischen Unrechts“; München 1969