Das Protokoll einer ungewollten Schwangerschaft

Von Heike Bülow

Im Dezember 1983 steht ein siebzehnjähriges Mädchen aus einer Landgemeinde vor der Tür der Beratungsstelle, Typ reife Dorf-Lolita, lander Lockenpracht, enge Jeans, hochhackige Stiefel, den Kopf tief gesenkt, ich kann kaum das Gesicht sehen. Sie sei in der fünfzehnten Woche schwanger und könne das Kind auf keinen Fall bekommen. Auf meine Frage, warum sie so spät zum Arzt gegangen sei, antwortet sie leise, sie wäre ja bei einem gewesen, der hätte sie alle drei Wochen bestellt, um ihr jetzt endlich zu sagen, daß sie ein Kind bekomme (dieser Arzt war mir wegen seiner Verschleppungstaktik in anderen Fällen bereits aufgefallen). Ich sage ihr, daß es für einen legalen Schwangerschaftsabbruch viel zu spät sei.

Anna sitzt schweigend vor mir, ihre braunen Augen blicken trotzig, schauen über mich hinweg. Es ist schwierig, mit ihr zu reden. Ihre Antworten sind: „ja, nein, weiß nicht, ist mir egal“.

Sie will das Kind nicht; niemand im Dorf dürfe erfahren, daß sie schwanger sei, am wenigsten ihre Eltern. Wer der Vater des Kindes ist, mag sie nicht sagen, der soll auch nichts davon erfahren. Sie scheint sich sehr vor dem Dorfklatsch zu fürchten.

Der Vater trinke, die Mutter sei mehrmals im Jahr in der Nervenheilanstalt. Warum, wisse sie nicht. Sie weiß auch nicht, wie alt ihre Mutter ist, wie sie in dieses Dorf gekommen sind. Sie hat noch zwei jüngere Geschwister. Die Hauptschule hat sie abgeschlossen, aber keine Arbeit oder Lehrstelle gefunden. Sie möchte Friseuse werden. Ich frage sie, was sie jetzt machen wird, sie sagt: „Ich weiß nicht.“ Ich bin ziemlich ratlos, sage ihr, sie solle wiederkommen, damit wir gemeinsam überlegen, wie sie am besten mit ihrer Situation fertig werden kann. Mit hängenden Schultern schleicht sie raus. Mir ist nicht wohl.

Anfang März kommt ein junger schwarzhaariger Mann in die Sprechstunde, der möchte, daß ich für Anna „irgendeinen Antrag“ stelle. Sie brauche Geld, um von zu Hause ausziehen zu können. Er habe nämlich durch einen erzwungenen Urintest (das war mir auch neu!) festgestellt, daß sie schwanger sei, obwohl sie ihm etwas anderes erzählt habe. Er kenne sie ein paar Wochen, werde zu ihr halten, obwohl er’s nicht gewesen sei, aber Anna müsse von zu Hause weg, weil ihre Leute nicht wüßten, daß sie ein Kind bekomme. Ich frage, wo Anna denn sei. Sie stehe unten, traue sich nicht rauf. (Wir hatten an diesem Tag minus fünfzehn Grad.) Ich schicke ihn runter, damit er sie hole. Sie ist verschwunden.