1. Nach der Definition der Unesco, der Kulturabteilung der Vereinten Nationen, sind Bücher „nichtperiodische Publikationen mit einem Umfang von 49 Seiten oder mehr“. Eher mehr. Und immer noch einmal mehr dieser in unregelmäßigen Abständen erscheinenden Erzeugnisse der holzverarbeitenden und der Druck-Industrie überschwemmen, mit schöner Regelmäßigkeit, die (in diesem Jahr auch vergrößerten) Hallen der Frankfurter Buchmesse.

Nein, keine Angst vor Seufzern von der Ofenbank der Kulturkritik. Hat sich doch vor zweihundert Jahren schon Johann Gottlob Marezoll verwundert: „Daß man vor Schrecken über die Menge der neuen Bücher, die jede Messe herauskommen, nicht augenblicklich des Todes ist, kommt bloß daher, weil Bücherfreunde ein zähes Leben haben und abgehärtet sind. Alle Klagen aber über die immer mehr wachsende Bücherüberschwemmung sind eitel und unnütz. Alles geht seinen alten Gang fort, und die Natur bleibt sich immer gleich.“

Guter Magister Marezoll! Ob die Natur sich immer gleich bleibe, wagen Leute zu bezweifeln, die auf sterbende Wälder oder vom sauren Regen zerfressene Gebäude blicken, die an Flüssen wohnen, welche zu stinkenden Kanälen für Abwässer und Schwermetalle verkommen sind. Wenn die Neuen Medien erst einmal Einzug gehalten und Lesegeräte die Bücherstapel auf dem Schreibtisch verdrängt haben werden, wird Marezolls „Bücherüberschwemmung“ schon zurückgehen.

Wollen wir den aber schon „Leser“ nennen, der die Zahlenkombination seiner Kontonummer auf grün flackerndem Bildschirm wiedererkennt? Uns allen – und dem deutschen Wald – wäre geholfen, wenn wir nicht jedes Jahr dicke Telephonbücher anschaffen müßten, in denen, natürlich, die entscheidende Nummer doch geändert ist, wenn wir sie dringend brauchen. Und wozu Lexika, die schon am Erscheinungstag veraltet sind? Nur: Wollen wir das noch „lesen“ nennen, dies Abrufen von Informationen?

Jetzt kommt die Zeit der wahren Leser. Das Buch genannte „Nachschlagewerk“ wird – vielleicht – wirklich aus den Regalen verschwinden. Wir hätten Platz, womöglich Zeit, vielleicht sogar Muße für die wirklich wichtigen Lebens-Bücher, die Ludwig Hohl meint, wenn er sie in dem nie auszulesenden Kompendium seiner „Notizen“ mit der Gleichung adelt: „Menschenwürde und Bücherwürde“. Von diesem wahren Leser hat vor hundert Jahren in Sils-Maria Friedrich Nietzsche geträumt: „Gut lesen, das heißt langsam, tief, rück- und vor-sichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen lesen.“

2. Auch in diesem Jahr werden uns kluge Köpfe mit sorgenzerfurchter Stirn und nörgelndem Tonfall rechtzeitig zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse verkünden, daß die zeitgenössischen Schriftsteller der Literatur deutscher Sprache das Klassenziel wieder nicht erreicht haben. Jahr um Jahr fragt man sich, wann diese Ernte-Propheten denn all die Bücher auch nur der schönen Literatur deutscher Sprache gelesen haben wollen – und erinnert sich an den spöttischen Eintrag Georg Christoph Lichtenbergs in seine „Sudelbücher“: „Eine seltsamere Ware als Bücher gibt es wohl schwerlich in der Welt: von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen; von Leuten verkauft, die sie nicht verstehen; gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten, die sie nicht verstehen; und nun gar geschrieben von Leuten, die sie nicht verstehen.“

In Deutschland ist solches Elend besonders verbreitet, weil die Verlage noch immer ihre Produktion nicht über die zwölf Monate des Jahres verteilen, sondern im Frühjahr und in geballter Ladung zur Buchmesse auf den Markt werfen. Mit einem die eigenen Autoren – und die Literatur – verachtendem Zynismus beschränken manche Verleger die „literarische Saison“ auf die paar Wochen zwischen Buchmesse und Weihnachten. Da sollten Buchhändler nicht unter Druck geraten? Bis zum 4. Advent muß das Geschäft gemacht sein.