Von Fritz J. Raddatz

Ein Spiel ist aus. Mit der Rezension von Kants "Kritik der reinen Vernunft", nicht zufällig als Abschluß der "ZEIT-Bibliothek der 100 Sachbücher" gewählt, ist auch dieser zweite Ritt über den Bodensee beendet. Manche Leser mögen sich erinnern: im Oktober 1982 hatten wir erstmals dieses Projekt vorgestellt:

Als das ZETT-Feuilleton – unterstützt durch die Juroren Rudolf Walter Leonhardt, Hans Mayer, Peter Wapnewski und Dieter E. Zimmer – zur Buchmesse 1978 seine "ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher" vorzustellen begann, wußte keiner der Beteiligten, auf was genau er sich da einließ; angekündigt hatten wir unser Unternehmen als eine Mischung aus literarischem Spiel und pädagogischem Ernst. Geahnt hatte keiner, daß von einer "Gegenliste" im römischen Espresso bis zu einem Ergänzungsvorschlag im englischen Observer unsere Idee aufgegriffen, variiert und – wie könnte es anders sein – attackiert würde; aber auch viele andere schöne Variationen erfuhr unser Projekt. Das amerikanische Jesuiten-College Holy Cross druckte gleich einen ganzen Band "100 Books", in den immerhin 15 Autoren aus dem deutschsprachigen Raum aufgenommen wurden, von Luther und Goethe über Marx, Engels, Nietzsche, Freud und Thomas Mann bis zu Hermann Hesse, Franz Kafka und Günter Grass; das für Engländer typische, etwas leichtsinnige Spiel des Romanciers Anthony Burgess "Die 99 besten zeitgenössischen Romane", vorgestellt in der Londoner Sunday Times wie in der New York Times Book Review, mag nicht unmittelbar auf unser Unternehmen zurückzuführen sein – eine kanadische Gegenumfrage, die sich expressis verbis auf die ZEIT und den darauffolgenden Espresso bezog, allerdings doch: Erfragt sollte in der "Review de l’Universite Sainte-Anne" werden, wie viele kanadische und darunter wiederum französisch- oder englischkanadische Schriftsteller dortzulande aufgenommen würden. Besonders lustig war dann eine Arbeit der Heinrich-von-Kleist-Schule in Bochum, die unsere Rezensionen rezensierte.

So war es denn auch wenig überraschend, daß das Suhrkamp-Taschenbuch, das schließlich daraus entstand, viele Monate lang auf der Spiegel- Bestsellerliste stehen würde (es liegt jetzt in der 5. Auflage mit 160 000 Exemplaren vor).

Nicht zuletzt das große Leser-Echo führte zu einer neuen Idee, die wir so skizzierten: Warum nicht versuchen, der damals ausschließlich belletristische Titel zusammenfassenden Liste eine andere, eine der Sachbücher entgegenzusetzen? So stellte das ZEIT-Feuilleton nach vier Jahren zur Buchmesse 1982 eine neue Büchersammlung vor: die "ZEIT-Bibliothek der 100 Sachbücher", beraten dieses Mal von Ralf Dahrendorf, Nobelpreisträger Manfred Eigen, Theodor Eschenburg, Wolf Lepenies, Golo Mann, Alexander Mitscherlich, Thomas von Randow und Uta Ranke-Heinemann. Schon der Titel bietet sich dem Streit an, hat viele – zu viele? – Facetten: Was ist ein "Sachbuch"? Da es dafür so viele Definitionen wie Einsprüche gegen sie gibt, könnte man auf den berühmten Satz ausweichen "All books are nonfiction – except autobiography". Doch da auch dieses neue Projekt nicht nur das spielerische Element aufgreift, sondern sich als ernste Bemühung um Tradition versteht, kann es beim Aperçu nicht bleiben.

Tradition. Damit ist das Wort benutzt, das die Idee zu unserer Unternehmung wie die Debatten beim Realisieren bestimmte: Gibt es in unserem Begreifen von Geschichte eine Tradition, die nicht nur versunkenes Gedankengut bewahrt in Vitrinen, Museen und Bibliotheken? Gibt es im Verhalten der Menschen zueinander Hergebrachtes, das sie – wenn schon nicht als verbindlich, dann doch – als gemeinsame Orientierung begreifen? Gibt es in der Fühlweise der Zeitgenossen einen – nein: nicht Codex, aber – Besinnungseffekt auf das bisher von der Menschheit Geleistete? Wirkt all das weiter, ins Heute hinein?

Der Begriff Kanon ist belastet und denunziert als Beinhaus der Unverbindlichkeit, Schatzkämmerlein für Zitatensüchtige, gar rohrstockbewehrtes Erziehungsmuster – das dann doch nur Auschwitz oder Hiroshima produzierte. Wenn wir diesen geschmähten Begriff Kanon dennoch benutzen, dann meinen wir ihn von der Verdächtigung gereinigt: Möglichkeit, die Erfahrung der Menschen – ob im Hochmut der Philosophie, in der Demut der Religion, im Gedankenspiel der Utopie oder im skeptischen Vermessen der Natur durch ihre Wissenschaftler – zusammenzufassen.