Yaşar Kemal setzt sein Werk „Memed, mein Falke“ mit einem zweiten Band fort

Von Klaus Strohmeyer

Anderthalb Millionen Türken leben im deut-

sehen Wirtschaftsexil; mit mehr als 100 000 türkischen Einwohnern ist Berlin „die großte türkische Stadt im Ausland“. Doch wenn bei uns über diese „deutschen Türken“ gesprochen wird, so geschieht das meist mit einer Angst im Unterton, als würden sie uns etwas fortnehmen, als seien sie eine kulturelle Bedrohung, wenn nicht gar die Bedrohung des Abendlandes schlechthin. Dabei liegen sie nicht säbelklirrend vor den Toren Wiens, sondern leben friedlich inmitten unserer Städte ein ungleichzeitiges Leben, von dem wir so gut wie nichts wissen.

Wenn über deutsche „Kolonien“ in den USA, in Chile oder in Rumänien berichtet wird, geschieht das mit einem besonderen Augenmerk, ja, nicht selten mit nationalistischem Stolz auf die deutschen Traditionen, die dort allen Anfeindungen zum Trotz so konserviert wurden, als würden wir mit unseren eigenen Großeltern konfrontiert. Das Kopftuch jedoch oder die Pluderhose in deutschen Gefilden werden als Überfremdungssymptome beargwöhnt.

Über die kulturelle Bereicherung ihrer Anwesenheit – für uns – wird kaum ein Wort verloren, sie wird überhaupt nicht wahrgenommen. Unser Interesse am Ausland ist zumeist auf den ökonomischen Nutzen oder auf Urlaubserfahrungen beschränkt. Gemeint ist hier nicht das bißchen Folklore, der Bauchtanz oder die unseren Ohren ungewohnte Musik, gemeint ist die Chance, die eigenen eurozentrischen Kulturmaßstäbe zu überdenken.

Es kann also nicht die Rede davon sein, was uns die Türken „nehmen“, es soll die Rede sein von dem, was sie uns geben können: den Einblick in eine andere Lebensform, einen kulturellen Widerstand gegen die Tendenz der Rationalisierung und Nivellierung, der allerdings mit ihrer Einpassung in unsere Gesellschaft zusehends verloren geht. Hat sich unsere Kultur nicht schon seit Jahrhunderten an orientalischen Märchenbildern berauscht, ohne dabei die Wirklichkeiten wahrzunehmen? Denn waren die Bilder aus Tausendundeinernacht nicht auch immer Bilder politischer Willkür und Grausamkeit? Diese Fragwürdigkeit unseres Orientbildes ist bis heute virulent geblieben. Darum ist nicht gedacht an neuerliche Ausbeutung von Idyllen und Märchenbildern, zur Milderung eurozentrischer Vernunftverbissenheit, zum Abbau der Kulturüberheblichkeit und zum Auffüllen der technologischen Leere, sondern an eine Vertiefung der Einsichten in die türkische Kultur. Was uns etwa García Márquez über südamerikanische Wirklichkeiten in „Hundert Jahre Einsamkeit“ nähergebracht hat, war durch keinen Geschichtsunterricht zu ersetzen.