Von Gerhard Spörl

San José, Ende September

Draußen in der Welt ist Hans-Dietrich Genscher ein geschätzter Mann, der sich auch schon einmal Extratouren erlauben darf. Weil die Sonne gar zu sehr auf die Hauptstadt von Costa Rica herabstrahlte, verlegte der deutsche Außenminister seinen Standort, so oft es ging, aus dem unklimatisierten Konferenzsaal an den Swimming-pool des „Country-Clubs“. Dort holte er sich gezielt einen Sonnenbrand und hielt Hof – eine Konferenz in der Konferenz. Entspannt und gesellig empfing er die meisten seiner 20 Amtskollegen aus Europa und Lateinamerika am Pool. Denn auch bei dieser Verquickung von Amt und Muße verlor Genscher nicht seine Maxime aus dem Sinn, sich soviel umzuhören und umzutun wie nur möglich.

Um Genscher drehte sich vieles, ohne daß er sich sonderlich darum zu bemühen schien. Es war seine Idee gewesen, daß Europa sich um Mittelamerika kümmern sollte, nicht in Konkurrenz zu den Nordamerikanern, sondern im Verständnis für eine von Bürgerkrieg und Armut beherrschte Region. Das sah gelegentlich nach dem Besuch des arrivierten Vetters bei entfernten, vom Schicksal vernachlässigten Verwandten aus, der geduldig die Improvisationskünste der Ticos – so werden die Bewohner von Costa Rica genannt – über sich ergehen ließ und es selber mit der landesüblichen überschwenglichen Rhetorik probierte. Aber so ganz falsch war das Stichwort von der „historischen Bedeutung“, das so oft fiel, nicht. „Schauen Sie“, antwortete der honduranische Außenminister einem Skeptiker, „mein Kollege aus Nicaragua und ich haben unser Hotelzimmer nebeneinander und hier bei der Pressekonferenz sitzen wir auch nebeneinander, ist das nichts?“

Der arrivierte Vetter und die vom Schicksal vernachlässigten Verwandten – so distanziert und auf die eigene Geschichte bezogen blickten die Europäer auf Mittelamerika. So betrachtet vollzieht sich in dieser Region ein Prozeß, der anderswo längst abgeschlossen ist. Südlich des Rio Grande, El Salvador, Nicaragua und anderswo entstehen in mit Nationalstaaten. Ihr Werden ist verbunden Kriegen und Bürgerkriegen, Terror und Gegenterror, aber dabei bleibt es unter günstigen Umständen nicht. Die Oligarchien und Militärdiktaturen von heute sind zum Untergang bestimmt, so geht der europäische Gedankengang weiter. Dieser Fortschritt zum Besseren kommt über regionale Zusammenschlüsse; liegt im Pluralismus nach innen und in der Blockfreiheit nach außen. Die Erinnerung an die Kennedy-Phase drängt sich auf, als die Washingtoner Regierung ökonomische und soziale Reformen in Erwägung zog, um ganz Lateinamerika aus dem Teufelskreis von staatlich geduldetem Terror und revolutionärer Gewalt herauszubekommen.

Die Ansätze zum Besseren wollen die europäischen Staaten auf jeden Fall moralisch fördern. Die Gelegenheit ist günstig. Weder England noch Frankreich, weder Deutschland noch Italien verfolgen in Mittelamerika machtpolitische Interessen. Auf diese Weise, das ist ein Nebenprodukt, bestätigt sich die Europäische Gemeinschaft, daß sie um Gleichklang bemüht ist, um europäische Identität. Der Gedanke an Eigennutz wird durch die konkrete Hilfe nicht getrübt, die Mittelamerika im Hinblick auf seinen zu erwartenden Geschichtsprozeß zugesagt worden ist: Handelspräferenzen und Entwicklungshilfe über 100 Millionen Mark; landwirtschaftliche Projekte verteilt über Honduras, El Salvador, Nicaragua, Guatemala und Costa Rica.

Diese Wirtschaftshilfe ist mit anderen Maßstäben gemessen lächerlich gering. Zum Vergleich: Die Kissinger-Kommission, von Ronald Reagan berufen, hatte vorgeschlagen, zehn Milliarden Dollar verteilt über sechs Jahre in der Region zu investieren. Der wahre Wert der Konferenz von San José lag denn auch im Politischen, der forcierten Anerkennung Mittelamerikas als eigenständige Region mit bestimmten Interessen und dazugehöriger gesellschaftlicher Dynamik. So hat man es in San José verstanden, so hat man es auch in Washington verstanden.