Trotz seiner vernichtenden Meinung über den US-Präsidenten empfiehlt Ex-Außenminister Alexander Haig:

Von Robert G. Livingston

Falls die Amerikaner Ronald Reagan wiederwählen – und es sieht sehr danach aus –, sollten Europäer die Memoiren seines ehemaligen Außenministers Alexander Haig gründlich studieren. Sie bieten eine ausgezeichnete Erklärung gerade derjenigen Aspekte des amerikanischen außenpolitischen Entscheidungsprozesses, die im Ausland am schwersten durchschaut werden, eine Erklärung, die lebhafter ist als die meisten wissenschaftlichen Analysen und auch als die wortreichen Erinnerungen von Haigs Mentor Henry Kissinger. In einer kurzen und sachkundigen Einführung beschreibt Richard Löwenthal die Eigenart der amerikanischen Verfassung, die eine disziplinierte Struktur des Systems erschwert, und Haig, der „strengste Regelhaftigkeit“ wollte, letzten Endes zu Fall brachte. Die deutsche Übersetzung ist dem lebendigen Stil des Originals völlig treu.

Al Haig attackiert mit der Leidenschaft eines Kavalleristen das „ungeordnete“ System des Nationalen Sicherheitsrats, das wahrscheinlich in einer zweiten Amtszeit Reagans unverändert fortbestehen wird. Er beschwert sich im Detail über viele Hauptberater Reagans, die sicherlich nach der Novemberwahl in noch höheren Stellen ihren Einfluß geltend machen werden: James Baker vor allem, der sich in den Memoiren als Haigs ärgster Gegner entpuppt, Verteidigungsminister Caspar Weinberger und UN-Botschafterin Jeane Kirkpatrick. Möglich ist es, daß einer von den dreien nächstes Janr Außenminister werden wird.

William Clark, ein guter Freund des Präsidenten und ehemals sein Nationaler Sicherheitsberater, hat Haigs Buch als einen „Roman“ abgetan. Die Memoiren sind zwar weniger als zwei Jahre nach Haigs erzwungenem Rücktritt erschienen. Seine Entrüstung über die vermeintliche Mißachtung seiner Talente und vieler Dienste glüht noch in diesen 426 Seiten. Trotzdem klingt in fast allen Schlüsselfragen Haigs Version wahrheitsgetreu. Seine Kritik ist so tiefgehend und überzeugend, daß man sich wundern muß, warum die Demokraten in ihrem Wahlkampf noch keinen Gebrauch von der Munition gemacht haben, die General Haig ihnen in seinem Buch reichlich liefert.

Für den engen Beraterstab Ronald Reagans ist der wichtigste Maßstab jeder Außenpolitik, ob sie die Popularität des Präsidenten fördert. Haie hat diese Einstellung nur langsam begriffen und sich niemals damit abgefunden. Frau Kirkpatrick und ihre Genossen, schreibt Haig ätzend, „... handelte lediglich nach den Regeln des Systems, dessen Herzstück offensichtlich ein unwiderstehlicher Drang war, die Popularität des Präsidenten auf die Gefahr hin zu bewahren, daß damit die Politik des Präsidenten untergraben würde“.

Für Reagan und seine Leute aus Kalifornien herrschte auch der Primat der Innenpolitik, in erster Linie während der Amtszeit von Haig der Wiederankurbelung der amerikanischen Wirtschaft. Haig, der immer wieder versuchte, die außenpolitische Feld lenken! und dadurch gleichzeitig seine eigene Vormachtstellung im Kabinett festigen wollte, lag auch in dieser Beziehung immer wieder schief.