Sind schizophrene Patienten Opfer ihrer Familie?Ob das „Familienklima“, der Kommunikationsstil zwischen Mutter und Kind etwa, zum Ausbruch einer Schizophrenie führen kann, ist nach wie vor umstritten. Fest steht jedoch, daß der Verlauf der Erkrankung wesentlich vom Verhalten der Familienmitglieder abhängt. Die Familie kann den Patienten unterstützen und ihn vielleicht sogar vor einem Rückfall bewahren, indem sie weder zu teilnahmsvoll noch zu kritisch mit ihm umgeht. Gelingt der Seiltanz zwischen Desinteresse und Überfürsorge, so hat der schizophrene Patient gute Chancen, ohne Rückfall in seiner vertrauten Umgebung leben zu können. Das ist das Ergebnis einer ganzen Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen, die in

„Die andere Seite der Schizophrenie. Patienten zu Hause (Fortschritte in der Sozialpsychiatrie 2)“. Herausgegeben von Heinz Katschnig; Urban und Schwarzenberg, München, 1984; 240 Seiten, 32,– DM.

nachzulesen sind. (Das Buch ist eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage der vergriffenen Ausgabe von 1977.)

Der Wiener Psychiater Heinz Katschnig möchte die Angehörigen ehemaliger Psychiatrie-Patienten deshalb zu einem neuen Rollenverständnis ermuntern, in dem ihnen eine „aktive und selbstbewußte Position zukommt und sie eine wertvolle therapeutische Rolle in der Betreuung schizophrener Patienten“ spielen. Ein Vorbild liefert Großbritannien, wo sich mittlerweile über 4500 Familien zu der Selbsthilfeorganisation National Schizophrenia Fellowship for the Welfare of the Sufferers and their Relatives zusammengeschlossen haben.

So stammen dann auch die meisten Beiträge über den Alltag mit schizophrenen Patienten, über Umgangsstile in betroffenen Familien und über die Möglichkeiten der Angehörigen, Rückfälle zu vermeiden, aus England. Ergänzt werden sie durch die Selbstzeugnisse schizophrener Patienten und durch Berichte über Angehörigengruppen in der Bundesrepublik und in Österreich. Auch bei uns haben betroffene Familienmitglieder inzwischen Therapie- und Selbsthilfegruppen organisiert.

Solche Angehörigengruppen werden zunehmend an Bedeutung gewinnen, nachdem endlich auch bei uns mehr Patienten eine gemeindepsychiatrische Betreuung in ihrer gewohnten Umgebung als Alternative zur Dauerverwahrung hinter den Mauern eines psychiatrischen Krankenhauses angeboten bekommen. Allen Betroffenen (und allen, die sich für eine humanere Psychiatrie engagieren) bietet dieses Buch wichtige Informationen und Anregungen. reo