Von Michael Krüger

Ein Mann und eine Frau machen Urlaub im Hotel Beau Rivage am Luganer See. Beide sind Rekonvaleszenten, die ihre angrenzenden Zimmer kaum verlassen und mithin außer mit Arzt und Stubenmädchen nur mit sich selber Umgang haben.

Er ist Witwer (seine spanische Frau ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen), um die fünfzig Jahre alt, Auslandskorrespondent einer italienischen Zeitung in Bonn, ein begnadeter Hypochonder mit deutlicher Vorliebe für die lateinischen Autoren, Montaigne und Stendhal und deutlicher Abneigung gegen die von ihm erwarteten Berichte aus Bonn, einer, der die Welt gesehen hat und sich darüber lieber in Schweigen hüllt.

Sie ist neunzehn, hat die letzten Jahre in einem Internat in der Schweiz zugebracht und ist das erste Mal für länger mit diesem Mann zusammen, den sie abgöttisch liebt und mit dem sie sich für die Zukunft ein Leben zu zweit ausmalt.

Er ist der Erzähler, sie kommt also nur in seinen Worten vor oder in Dialogen: "Du willst nicht, daß ich dir nach Bonn nachkomme, weil du denkst, ich würde dir deine Freiheit nehmen. Aber hör zu. Erinnerst du dich daran, daß ich dir vor ein paar Tagen gesagt habe, es würde mir genügen, dich morgens, ehe du fortgehst, kurz zu sehen. Gut, jetzt sehe ich ein, daß ich auch darauf verzichten kann ... Die ganze letzte Nacht haben wir doch wenige Schritte voneinander entfernt verbracht, du hier, ich in meinem Zimmer. Und ehe ich einschlief, bin ich zu dir gekommen, als ich merkte, daß du eingeschlafen warst. Ich habe mich hierher gesetzt, wo ich jetzt sitze. Auf dein Bett. Ohne dich zu stören ... Es genügte mir, dich anzuschauen, ich war damit zufrieden."

Ein ganz normaler Liebesfall, einseitig, wie die Liebe nun mal in der Regel ist?

Nach etwa einer Woche anteilnehmender Beobachtung kommt es zu folgendem Erlebnis: "Mimmina steht unmittelbar hinter mir. Sie packt mich. Wie sie es in diesem engen Raum dahin bringt, daß ich mich umdrehe, sie zurückstoße und mich zu entziehen versuche, ist mir unbegreiflich. Sie selbst hat ein Knie aufs Bett stützen müssen, um einen Halt zu finden. Sie umfaßt mich, die Hände übereinandergelegt auf mein Kreuz drückend, mit einer Energie, die verzweifelt sein muß, so gewaltig ist sie und so wenig ist ihr zu entkommen ... Ich bin ihr ausgeliefert. Ich werfe den Kopf nach hinten, während sie keuchend und in rasender Gier ihre Lippen, mein Kinn, meinen Hals und meine Kehle entlanggleiten läßt. ., Durch mehrmalige Verlagerung ihres Knies, das sie auf das Bett stützt, ist sie mir jetzt hautnah, drängt sich von der Brust bis zum Bauch an mich."