Ein Unternehmen von legendärer Anziehungskraft: Was treibt Menschen aus aller Welt aufs Oktoberfest?

Von Thilo Bode

Einst waren, man will es gar nicht glauben, „zum Trinken aneifernde Musikstücke“ verboten. Einst war sogar, man will es noch weniger glauben, das Bier selber zwar nicht direkt verboten, doch zumindest wurde es auf dem Oktoberfest noch nicht ausgeschenkt: Acht Jahre, vom Premierenjahr 1810 bis 1818, saßen die Münchner auf ihrer Festwiese auf dem Trocknen. Erst dann wurde der Ausschank amtlich zugelassen, erst dann wurde aus dem Oktoberfest das Bierfest. Heute erfordert es einige Findigkeit, ein anderes Getränk als Bier auf der 50 Hektar großen Festwiese aufzutreiben, wenn auch, in Grenzen, für die Bedürfnisse der abartigen Wein-, Sekt- und Schnapstrinker gesorgt ist.

Aber gemessen wird der Erfolg des mit 170 weltweiten Ablegern viel kopierten größten Volksfestes der Welt am Bierkonsum; feinsinnige andere Erklärungen für die legendäre Anziehungskraft dieses einzigartigen Unternehmens können darüber nicht hinwegtäuschen. Stätten der Tat sind die entlang der Achse der Festwiese aufgereihten Bierzelte der sechs Münchner Großbrauereien, wobei das anheimelnde Wort „Zelt“ durchaus irreführt. So hat es einmal begonnen, aber inzwischen ragt kein Zelt mehr weit und breit, sondern allein solide Holzbauten, wahre Bierburgen, was als Bild so falsch nicht ist. Draußen ist schnöder Alltag, drinnen aber wird mit großem Aufwand an Bier, Krach und Blasmusik die sprichwörtliche Münchner Gemütlichkeit verteidigt, indem aufopfernd sowohl für das eigene Wohlbehagen, aber auch für das der Brauereien gekämpft, will sagen getrunken wird.

Bierpreis-Revolten

Begreiflich, daß bei wachsender Festfreude das gesellschaftliche Bewußtsein für solche eminent ökonomischen Zusammenhänge – wir reden vom Bierpreis – sich beim Konsumenten fortschreitend trübt. Doch in wachen Augenblicken bleibt das Mißtrauen groß; die Münchner Geschichte weist in der Vergangenheit gewalttätige Revolten gegen einen zu hohen Bierpreis aus, auch zu Zeiten wie beispielsweise 1848, die anderswo von erhabeneren Gegenständen bestimmt waren.

Heutzutage hat sich das Kampffeld verlagert. Furchtlos hat kürzlich der Wirtschaftsteil des führenden Münchner Blattes den Wies’n-Bilanzen lediglich „hohen Unterhaltungswert“ zuerkannt; in den meisten Angaben scheine „nur die Jahreszahl zu stimmen“. Ob das Finanzamt das auch so sieht, bleibt dunkel. Etwa eine Milliarde Mark wird beim Oktoberfest umgesetzt, soviel steht fest. Die Fama bleibt daher dabei, daß jeder große Wies’nwirt am Ende mit mehr als 600 000 Mark netto nach Hause geht. Das bestreiten die Wirte ebenso erbittert wie vergeblich jedes Jahr von neuem; im Grunde setzten sie, beinahe, zu.