Was bewirken Gene? Ist Intelligenz vererbbar oder umweltbedingt? Ein Prozeß rührte an heikle Fragen.

Shockley? Einerseits ist das jener amerikanische Ingenieur, der den Transistor miterfunden hat und dafür 1956 den Nobelpreis bekam. Anderseits ist er jener Mann, bei dessen bloßem Namen sich anständige Menschen bekreuzigen. Diese Rolle als leibhaftiger Gottseibeiuns rührt daher, daß ihn seit den 60er Jahren eine fixe Idee umtreibt. Er will den genetischen Verfall Amerikas aufhalten. Erbkranke und Minderintelligente, findet er, sollten keine Kinder in die Welt setzen. Sie sollten sich sterilisieren lassen. Damit sie es tun, sollten sie eine Prämie erhalten, 1000 Dollar für jeden IQ-Punkt unter 100. Kandidaten wären 50 Prozent von Amerikas Weißen und, wie die Dinge heute stehen, 84 Prozent der Schwarzen. William Shockley wurde wegen dieser Idee heftig angegriffen.

Ein schwarzer Reporter einer Zeitung in Atlanta nannte ihn 1980 in einem Artikel einen Rassisten und Quasi-Nazi. Shockley klagte. 1,25 Millionen Dollar Schmerzensgeld wollte er haben. Jetzt hat der Prozeß stattgefunden. Er bekam recht. Rassist und Nazi darf er nicht genannt werden, denn für (Massen-)Mord hat er nie plädiert. Seinen Schmerz aber bewertete der Richter nur mit einem einzigen Dollar.

Shockley hat seine Show gehabt. Der Wahrheitsfindung hat sie nicht gedient, so wenig wie seine ganze einsame marottenhafte Propagandakampagne. Erbpsychologen ist inzwischen zur Gewißheit geworden, daß die IQ-Unterschiede zwischen den Menschen überwiegend erbbedingt sind. Eine auch nur halbwegs sachliche Diskussion darüber aber ist in der Öffentlichkeit schwer. Shockley hat sie noch schwerer gemacht.

Noch viel heikler ist die Frage, ob die de facto bestehenden IQ-Unterschiede zwischen weißen und schwarzen Amerikanern teils genetische Ursachen haben. Ausgeschlossen ist es wissenschaftlich bisher nicht. Der letzte seriöse Beitrag der Wissenschaft war eine Adoptionsstudie der Psychologin Sandra Scarr. Sie verfolgte, was aus dem IQ von 130 schwarzen Adoptivkindern (weit überdurchschnittlich intelligenter) weißer Eltern wurde. Er lag, so stellte sich heraus, sehr bemerkenswerte 20 Punkte über dem schwarzen Durchschnitt. Der Zugewinn demonstrierte, was ein günstiges Milieu vermag. Aber ihr IQ blieb auch sechs Punkte unter dem der leiblichen Kinder ihrer Adoptiveltern; und alle Adoptivkinder wurden mit den Jahren ihren Adoptiveltern immer unähnlicher, den leiblichen aber immer ähnlicher – beides Indizien für die Macht der Gene. Auch diese Arbeit also ließ die Frage weiter offen:

Vielleicht bleibt sie das auch besser. Genau wissen will es ja niemand. Die Rassisten haben sie im voraus entschieden und wären auch durch Gegenargumente nicht zu belehren. Und anständige Menschen sind so irritiert von der ganzen Frage, daß sie sie, wenn möglich, gar nicht erst zulassen.

Als Mitte der 70er Jahre herauskam, daß der englische Psychologe Sir Cyril Burt, Verfechter der Erbtheorie, auf seine alten Tage Daten gefälscht hatte, ging eine Welle der Empörung durch die Presse der ganzen Welt, als sei die ganze Erbtheorie als Schwindel aufgeflogen. (Das war sie nicht.) In Milwaukee hatte kurz vorher der größte jemals unternommene Versuch stattgefunden, den IQ von schwarzen Kindern durch intensive kompensatorische Erziehung zu heben. Nach den ersten, sensationellen Vorberichten (30 IQ-Punkte Zugewinn!) blickten viele erwartungsvoll nach Milwaukee. Hier sollte sich nun endlich zeigen, wie viel die Umwelt und wie wenig die Gene bewirken. Man wartet noch immer. 1981 nämlich wurde der Direktor des Projekts wegen Unterschlagung zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

Es ist keine gute Zeit für die Klärung dieser heiklen Fragen. Vollends unerörterbar werden sie, wenn, wie von Shockley, grobe Vorschläge zur Eugenik mit ihnen verquickt werden. Erbhygiene bleibt auf unabsehbare Zeit tabu. Zu unseren Lebzeiten werden wir nicht einmal erfahren, ob es nicht auch vernünftige erbhygienische Fragen gibt. Dafür haben die Krematorien von Auschwitz gesorgt. Dieter E. Zimmer