Annelies Laschitza und Günter Radczun, die bereits 1971 durch ihre Biographie Rosa Luxemburgs hervorgetreten sind, haben in fünf Bänden Briefe Rosa Luxemburgs herausgegeben. Ein erheblicher Teil der hier vorgelegten Briefe ist bereits veröffentlicht worden: zunächst die berühmten Briefe aus dem Gefängnis, sodann die politisch bedeutsamen Schreiben an Leon Jogiches (EVA 1971) und schließlich unlängst auch 50 Briefe an den Anwalt Paul Levi, der Rosa Luxemburgs skeptische kleine Arbeit über die „russische Revolution“ aus ihrem Nachlaß ediert hat. Alle diese Briefe sind hier (zum Teil aus dem Polnischen neu übersetzt) zusammengefaßt, vor allem aber wurden eine große Anzahl bisher noch nirgends veröffentlichter Schreiben aus zumeist sowjetischen Archiven erstmals vorgelegt.

Die wichtigste Erstveröffentlichung stellen dabei die Briefe Rosa Luxemburgs an Kostja Zetkin (1885-1980) dar. Leider haben die Herausgeber von den über 600 erhaltenen Briefen wegen ihres „vorwiegend privat-intimen Charakters“ rund 70 nicht aufgenommen und gelegentlich „geringe Auslassungen“ vorgenommen. Diese Zurückhaltung ist wenig verständlich, zumal wenn man feststellt, daß auch die veröffentlichten Briefe häufig durchaus „privat-intimen“ Charakters sind. Dagegen haben die Herausgeber ähnliche Auslassungen früherer Publikationen der Briefe Rosa Luxemburgs an Luise Kautsky sowie der Briefe an Sophie Liebknecht auf Grund der Originalbriefe korrigiert. Dem Leser wird durch diese (wenigstens offen eingestandene) Kürzung der Verdacht nahegelegt, es könnten auch politische Motive für jene Weglassungen der Grund sein. In den Briefen an Kostja Zetkin hat sich Rosa Luxemburg näm-„Rosa Luxemburg – Gesammelte Briefe“; herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED; 5 Bände; Dietz Verlag, Ost-Berlin 1982-1984; insgesamt 2442 S., je Band 19,80 DM.

lich weit offener und oft auch respektloser über die „Größen der Partei“ (der deutschen wie der polnischen und russischen) geäußert als in ihren Mitteilungen an andere Korrespondenten. Aber vielleicht ist ja ein solcher Verdacht ganz unbegründet und es handelt sich nur um eine Zurückhaltung, die aus dem Geist der viktorianischen Prüderie entstanden ist, die in manchen Kreisen der Sowjetunion und der DDR hochgehalten wird.

Weit wichtiger als dieser berechtigte Zweifel ist jedoch das Verdienst der Herausgeber, überhaupt erst einmal in solcher Breite und Vielfalt Rosa Luxemburg als Briefschreiberin vorgestellt zu haben. Die Korrespondenz umfaßt politisch wichtige Schreiben an Leo Jogiches, Franz Mehring, Clara Zetkin, Konrad Haenisch und eine Reihe anderer, persönliche Briefe an Jogiches (in den Briefen von 1893 bis 1905), an Kostja Zetkin, Hannes Diefenbach und Sophie Liebknecht. Sachlich, aber auch persönlich und warmherzig sind auch viele Briefe an Hans Kautsky (den „königlich-preußischen Hoftheatermaler“ und Bruder von Karl Kautsky) sowie an Luise Kautsky, die ihr weit näher stand als ihr pedantischer Mann Karl, sowie an die treue Sekretärin Mathilde Jacob und manche andere.

Das Maß der Nähe zu ihren Korrespondenten und Korrespondentinnen kann man an dem – gar nicht sehr häufigen – Du, sowie daran erkennen, ob ihnen ausführliche Berichte über das Leben und Treiben der geliebten Katze Mimi gegeben werden. Leo Jogiches, dem Rosa Luxemburg die Hinführung zum revolutionären Sozialismus verdankt, verliert das Recht auf das vertrauliche Du, nachdem er Rosa Luxemburg durch eine intime Beziehung, von der sie auf Umwegen hört, tief gekränkt hat. Kostja Zetkin wie Clara Zetkin bleiben Duzfreunde auch nach der Entfremdung zu Kostja, die etwa 1915 eingetreten zu sein scheint. Der langjährige Freund Hannes Diefenbach dagegen wird bis zuletzt gesiezt. Sonjuschka (Sophie) Liebknecht nimmt zusammen mit Hannes Diefenbach und vollends nach dessen Tod (Oktober 1917) die Stelle der intimsten Briefpartnerin ein.

Der stärkste Eindruck, den wohl jeder empfängt, der diese Briefe – vor allem die an die engsten Freunde – liest, ist der einer ungemein liebesfähigen, anteilnehmenden, gütigen und zugleich tapferen Frau. Auch wenn sie selbst krank ist, im Gefängnis unter der Abschließung von allen Genossen und Freunden leidet oder über das sinnlose Hinmorden im Kriege sich betrübt, immer sucht sie ihre Korrespondenten aufzurichten, ihnen Mut zu machen, ihnen einen Ausweg zu zeigen. Ihre eigene Lebensauffassung ist von einem tiefen, naturverbundenen Optimismus geprägt, den sie gelegentlich auf Goethes Haltung zurückführt, die ihr eine große Hilfe gewesen zu sein scheint.

Ihrer Hausgehilfin Gertrud Zlotko schreibt sie aus dem Berliner „Königlichen Frauengefängnis“: „Nun komme ich zu Ihrem Brief. Dieser verzagende Ton hat mir wirklich keine Freude gemacht. Jetzt schon diese vergrämte Nörgelei über die Not der künftigen Kinder, die noch die Nasenspitze nicht in die Welt gesetzt haben? Pfui, Gertrud, das hat doch gar keinen Zweck. Lustig lieb ich meine Spanier. Man soll arbeiten und tun, was man kann, im übrigen alles leicht und mit gutem Humor nehmen. Mit innerer Säure wird das Leben gewiß nicht besser ...“ (Bd. 5, S. 62).

Ganz ähnlich klingt die Mahnung, die sie 1916 an die Berliner sozialdemokratische Abgeordnete Mathilde Wurm schickt: „Dein Brief hat mich fuchsteufelswild gemacht, weil er mir, so kurz er ist, in jeder Zeile zeigt, wie sehr Du wieder ganz im Bann Deines Milieus stehst. Dieser heulmeierische Ton, dieses Ach und Weh über die ,Enttäuschungen’, die Ihr erlebt habt...“ „Ihr (die zentristische Opposition in der SPD, I. F.) seid überhaupt eine andere zoologische Gattung als ich, und nie war mir Euer griesgrämiges, sauertöpfisches, feiges und halbes Wesen so fremd, so verhaßt wie jetzt...“ „Ich sage Dir, sobald ich wieder die Nase hinausstecken kann, werde ich Eure Froschgesellschaft jagen und hetzen mit Trompetenschall, Peitschenknall und Bluthunden – wie Penthesilea, wollte ich sagen, aber Ihr seid keine Achilleus. Hast Du jetzt genug zum Neujahrsgruß? Dann sieh, daß Du Mensch bleibst. Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja, heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche. Mensch sein, heißt; sein ganzes Leben ‚auf des Schicksals größer Waage‘ freudig hinwerfen, wenn’s sein muß, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen, auch ich weiß keine Rezepte zu schreiben, wie man Mensch sein soll, ich weiß nur, wie man’s ist...“ (Bd. 5, S. 150-151).

An Sophie Liebknecht endlich, die sie gefragt hatte, „wie man gut wird?“ und „die subalternen Teufel“ in seinem Innern „zum Schweigen bringt“, antwortet sie: „Sonitschka, ich weiß dagegen kein anderes Mittel als eben jene Verknüpfung mit der Heiterkeit und Schönheit des Lebens, die stets überall um uns sind, wenn man nur versteht, Augen und Ohren zu gebrauchen, und die innerliches Gleichgewicht verschaffen, über alles Ärgerliche und Kleine hinwegheben“ (A. a. O. S. 286).

Die Stärke dieses inneren Gleichgewichts spürt man fast auf jeder Seite dieser Briefsammlung. Sie ermöglicht es Rosa Luxemburg, ein anstrengendes und aufreibendes Leben als Journalistin, Autorin wissenschaftlicher Bücher (vor allem „die Akkumulation des Kapitals“) und erfolgreiche Rednerin (vor Massen von 2000 und mehr Personen) zu bestehen und dabei noch Kraft und Muße zu findet, um gute Bücher zu lesen, Musik zu hören, zu malen, sich in Zoologie, Botanik und Geologie zu vertiefen und für ihre Freunde da zu sein. Das alles bei einer durchaus nicht robusten Physis, die ihr oft genug zu schaffen macht.

Ihre Urteile über Literatur und Musik sind fast immer originell und vor allem frei von snobistischer Exzentrizität wie von feuilletonistischen Klischees. Von ihren Freunden Neues zu lernen, ist sie immer bereit. Sie läßt sich Bücher empfehlen, und kein großer Name imponiert ihr. Roman Rollands Gesinnung findet sie sympathisch, seine schriftstellerische Bedeutung erscheint ihr fragwürdig. Ein Essay des damals in Rußland wie Deutschland sehr noch geschätzten Marxisten Plechanow nennt sie „billig“, Clara Zetkins „Gefühlserguß über Lenin“ hätte sie gern verhindert, von Marx sagt sie, daß „er in den Briefen immer einen unangenehmen Eindruck“ mache, lobt aber zugleich die Kühnheit seines Urteils (auch wenn es oft irrig gewesen sei). Die „Meistersinger“ gefallen ihr ganz gut, aber sie findet, daß die Oper „Längen“ hat und „etwas von der lärmenden Pöbelhaftigkeit“ Wagners (Bd. 3, S. 193). Zum „ersten deutschen Soziologentag“ in Frankfurt (1910) kommentiert sie: „dieses Geschwätz! Ein unglaublicher Tiefstand. Aber mit der Kritik der technologischen Auffassung des historischen Materialismus hat Sombart recht: das ist nämlich wörtlich die Auffassung K. Ks (Karl Kautskys) – natürlich ein Zerrbild der Marxschen“ (Bd. 3, S. 248).

Menschen, die ihr so nahe stehen wie Kostja Zetkin, Hannes Diefenbach und Sonja Liebknecht sucht Rosa Luxemburg auch hinsichtlich ihres praktischen Lebens und ihrer Tätigkeit zu beeinflussen. Kostja möchte sie gern zum Studium der Geschichte des Sozialismus (und zum Lehren an der Parteischule) hinführen, aber auch zu künstlerischer Betätigung. Auf keinen Fall soll er in der Parteiarbeit aufgehen. Hannes Diefenbach, der junge Arzt, der gelegentlich im Feuilleton der „Gleichheit“ (Clara Zetkins Zeitschrift für sozialdemokratische Frauen) schreibt, scheint ihr berufen, den in Deutschland so sehr vernachlässigten Essay zu bereichern, Sonja endlich muß vor allem ihre Depressionen und ihren Pessimismus überwinden. Auf jeden Briefpartner geht Rosa Luxemburg mit liebevoller Anteilnahme ein. Nur die Berichte über Leben und Treiben Mimis müssen die intimen Briefpartner geduldig anhören. Die Hausgehilfinnen berichten detailliert über Mimis Ergehen, ihre Verdauung, ihre Streiche, ihren Gemütszustand. Lenin hätte beinahe die Freundschaft Rosa Luxemburgs dadurch gewonnen, daß er ihre Katze als besonders großartiges Tier lobte und mit ihr spielte (wobei sie respektlos den großen Revolutionär, gekrautzt haf). Die Reaktion der deutschen sozialdemokratischen Literaten. auf Tolstois Tod läßt sie beinahe verzweifeln: „Wendel soll in der ‚Frankfurter Volksstimme’ einen Artikel über Tolstoi geschrieben haben, ungefähr mit der Beleuchtung: junge Hure, alte Betschwester! ... Ach, mir ist manchmal hier schrecklich zumute, und ich möchte am liebsten fort aus Deutschland. In irgendeinem sibirischen Dorf spürt man mehr Menschentum als in der deutschen Sozialdemokratie“ (Bd. 3, S. 268).

Rosa Luxemburg macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Sie charakterisiert ziemlich bissig – Alexandra Kollontai und Lilly Braun – sie hat vor keinem der Parteigrößen Respekt, aber sie liebt das Leben, die Tiere, die Pflanzen, die Landschaften. Sie freut sich an Musik und guten Gedichten, an Romanen (vor allem an russischen) und an der Malerei. Diese Grundstimmung ist es vor allem, die mich beeindruckt hat. Vielleicht zeichnet es das geistige Wesen Rosa Luxemburgs am meisten aus, daß sie aus der Lektüre von Goethe, Schiller, Tolstoi, Dostojewski, Koroloenko, Cervantes etwas für ihr reales, kämpferisches und heiter-gelassenes Dasein gewonnen hat, keine bloße Dekoration für den Feiertag. Wenn irgendjemand aus ihrer Generation die deutsche und die europäische Kultur in sich verlebendigt hat, dann war es Rosa Luxemburg. Diese Briefsammlung dokumentiert es. Ihre Ermordung, deren drohende Möglichkeit ihr längst bewußt war, ist nicht nur ein Verlust der deutschen Arbeiterbewegung, sondern eine schmerzliche Schande für unser angebliches „Kulturvolk“ gewesen. Es wäre zu wünschen, daß bald auch in der Bundesrepublik eine – womöglich ergänzte und vervollständigte – Ausgabe dieser Briefsammlung erschiene.