Zu einem Zeitpunkt ins Deutsche übersetzt, da die Beschäftigung mit der Kritik der politischen Ökonomie Professoren und Studenten beherrschte, sind die Schriften der französischen Strukturalisten bei uns anfangs nur zögernd aufgenommen worden. Anstoß erregte vor allem die radikale Absage des Strukturalismus an die (von ihm als Illusion aufgefaßte) Geschichtsmächtigkeit des Menschen. Dementsprechend heftig waren die Angriffe. Die Zeit für eine unvoreingenommenere Rezeption scheint erst jetzt gekommen.

Einen Schritt in diese Richtung stellt das Buch von Heinrichs dar. Was ihn primär interessiert, ist weder der „ideologische“ Gehalt noch der „wissenschaftliche“ Ertrag der strukturalistischen Methode. Am Beispiel des Ethnologen Levi-Strauss und des Psychoanalytikers Lacan geht er vielmehr der Frage nach, welche spezifische Subjekterfahrung der Dezentrierung des Subjekts in den Entwürfen des Strukturalismus zugrunde liegt.

Dadurch gelangt er zu überraschenden neuen Einsichten. Ebenso wie die strukturale Anthropologie von Lévi-Strauss letztlich auf der Infragestellung des eigenen Ich durch die ethnographische Erfahrung basiert, weist auch die linguistische Neubegründung der Psychoanalyse bei Lacan auf die identitätsbedrohende Erfahrung der therapeutischen Praxis zurück. Das rückhaltlose Sicheinlassen auf das Denken des „Wilden“ und des „Neurotikers“ mündet im einen wie im anderen Fall in eine Obsession. Es ist die Obsession des Ich durch ein Anderes, das beide theoretische Entwürfe gleichermaßen konstituiert. „Ich komme mir vor wie ein Ort, an dem etwas geschieht, an dem aber kein Ich vorhanden ist“, äußert einmal Lévi-Strauss, und: „Ich ist ein Anderer“, lautet die klassische Formel bei Lacan.

Aus dieser Besessenheit resultiert beider Fixierung auf die Sprache: Sie ist der bevorzugte Ort der Vermittlung zwischen beiden Polen, dem Ich und dem Anderen. In ihr gelangen die unbewußten Strukturen des menschlichen Geistes (Levi-Strauss), die symbolische Ordnung (Lacan) zum Ausdruck. Und in ihr findet sich auch das an der Entfremdung von seinem eigenen Selbst leidende Ich des Wissenschaftlers gleichsam aufgehoben. Die Sprache erhält so bei Lévi-Strauss und Lacan den Rang eines Mediums der Versöhnung, und zwar in einem solchen Maße, daß sie – wie Heinrichs schreibt – aus Sprachentzifferern, Kryptographen und Sprachenarchivaren schließlich selbst zu „Sprachkörpern“ geworden sind. In der Wollust ihres Umgangs mit der Sprache liegt allerdings zugleich auch ihre persönliche Tragik. Denn sie sind „Lehrmeister und Opfer ihrer Exerzitien“. Entschleierer uns geläufiger Mythen und „Produzenten monumentaler subjektiver Mythologien“ in einem.

Indem Heinrichs die Geschichte der strukturalistischen Denkbewegung als eine Geschichte individueller Obsessionen und Idiosynkrasien nachzeichnet, gewinnt er den Schriften ihrer Vertreter eine neue, schon von vielen verspürte, aber selten so klar dargestellte Qualität ab: – die einer wissenschaftlichen Poesie. Karl-Heinz Kohl