Von Rolf Zundel

Bonn, im Oktober

Hart arbeitende Oppositionspolitiker bemühen sich vergeblich darum, Franz Josef Strauß aber schafft es spielend: die Regierung dort zu treffen, wo es wirklich weh tut. Da vergaß die Bonner Koalition zum zweiten Jahrestag der Wahl des Kanzlers Helmut Kohl einmal mannhaft alle ihre Gebresten und lieferte ziemlich genau das, was aus München immer wieder angemahnt worden war – eine "optimale Selbstdarstellung": Die Bilanz ist "positiver als selbst Optimisten zu hoffen gewagt hatten" (Dregger). Da war’s wieder nicht recht. Einer störte die Zeremonie der Selbstbeweihräucherung, der Mahner aus Bayern. Er analysierte kühl und scheinbar leidenschaftslos Stärken und Schwächen der Bundesregierung, vor allem die letzteren, und das noch gerade rechtzeitig zur Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen.

Der Düsseldorfer Ministerpräsident Rau war nicht undankbar dafür und teilte dieses Gefühl auch gern den Wählern seines Landes mit: Strauß habe sich das Urteil der SPD über die Bonner Politik "in wesentlichen Punkten zu eigen gemacht". Das ist natürlich blanke Blasphemie. Als ob der alles Durchschauende in München das nicht selber und sehr viel früher gesehen hätte – spätestens schon vor zwei Jahren, als wider seinen Rat nicht ein neuer Bundestag (ohne die FDP), sondern ein neuer Kanzler (mit der FDP) gewählt wurde. Daß in diesem Unternehmen kein Platz für Strauß war – wen konnte das noch überraschen?

Seither unterzieht sich der Mentor aus München der schweren Pflicht, den Bonnern, auch wenn’s dort als unliebsame Störung empfunden, wird ("die bayerischen Ratschläge am Vorabend der Wahl", so Kohl zum nordrhein-westfälischen Ergebnis, "waren alles andere als nützlich"), die Unvollkommenheit ihrer Politik klarzumachen. Am Anfang, nach der so schön ausgefallenen Märzwahl, empfanden sogar manche bayerische Parteifreunde diese Störungen als etwas deplaziert, und der CSU-Landesgruppenchef Theo Waigel mußte sich schon ziemlich verrenken, um Bonner und Münchner Interessen in der CSU zusammenzuhalten. Inzwischen hat sich die Stimmung verändert; die CSU hat die Reihen wieder fester geschlossen, und bei Betrachtung der politischen Landschaft in Bonn hat sich auch das altvertraute Gefühl wieder eingestellt: FJS ist halt doch der Größte!

Daß der Bonner Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle gegen dieses erste Gebot der CSU verstieß und dafür leider gestraft werden mußte, ist eigentlich mehr ein Zufall, den die Verhältnisse in Bonn und die Sorge um Bayern so mit sich brachten. Es gibt da eben, wie der gescheite Theo Waigel bemerkte, "verschiedene Interessensphären". Sie wurden säuberlich und für Bayern, wenn auch nicht für Kiechle, ziemlich vorteilhaft getrennt.

Kiechle hat ja, wie die Ironie der Geschichte es wollte (Strauß freilich meint, die Entscheidung sei "ausschließlich von Bundeskanzler Kohl gekommen"), jenes fünfte Ministerium besetzt, das nach dem Verzicht von Strauß der CSU zugefallen war. Ein so undankbares Ressort wäre natürlich weit besser bei einem CDU-Mann aufgehoben gewesen; den hätte man ohne Gewissensbisse samt seinem Milchvieh im norddeutschen Nieselregen stehen lassen können. Jetzt mußte, Pietät hin oder her, der eigene Parteifreund einen Teil der politischen Unbilden ausbaden.