Von Irene Mayer-List

er Reporter der Zeitschrift auto motor und sport wollte es genau wissen: Ob der Vorschlag, für ein Jahr Tempo 100 und Tempo 80 als Modell auf deutschen Autobahnen und Landstraßen vorzuschreiben, endgültig vom Tisch sei, fragte er vor zwei Monaten Verkehrsminister Werner Dollinger. „Jedenfalls von meinem Tisch“, antwortete der fränkische CSU-Politiker kategorisch und hielt sich an die Devise seines Kanzlers. Helmut Kohl hatte schon im März die deutschen Autofahrer beruhigt: „Die Bundesregierung und ich selbst, wir halten von einer solchen Begrenzung nichts.“

Doch Kanzler und Verkehrsminister waren – wie schon so manches Mal in der Diskussion um saubere Abgase – wohl zu voreilig. Nachdem der Termin für strengere Abgasvorschriften bis 1989 aufgeschoben ist, kommt die Debatte über Geschwindigkeitsbegrenzungen als Mittel zur Abgasreduzierung jetzt erst richtig in Schwung. Porsche- und Mercedesfahrer können noch lange nicht aufatmen.

Spätestens Anfang November wollen nämlich die Umweltminister der Bundesländer das Thema wieder aufgreifen und neue Entschlüsse fassen. Auf der Agenda ihrer nächsten Konferenz steht ein brisantes Papier des Berliner Umweltbundesamtes zur Diskussion, das mit dem Stempel „geheim“ an die Länderministerien verschickt wurde. Es versucht in detaillierter Form nachzuweisen, was die Bonner Regierung und die deutschen Autofahrer bis jetzt nur ungern hören: Dem deutschen Wald wäre mit Tempolimits auf Autobahnen und Landstraßen einstweilen mehr geholfen als mit steuerlichen Begünstigungen für Katalysatorautos.

„Die Wirkung, die eine Geschwindigkeitsbegrenzung hätte“, faßt der Autoexperte des Umweltbundesamtes, Rudolf Petersen, zusammen, „entspräche in der Größenordnung dem Effekt, den eine Einführung des Katalysators auf breiter Front nach zwei bis drei Jahren bringt.“

In den Länderregierungen beginnt die Front gegen ein Tempolimit bereits zu bröckeln. Neue Maßnahmen werden diskutiert. So plädiert der hessische Landwirtschaftsminister Willi Görlach als erster offen für Tempo 100 beziehungsweise Tempo 80 auf deutschen Straßen. Er will nur noch für Katalysatorautos – gekennzeichnet durch ovale Nummernschilder – 130 Stundenkilometer auf Autobahnen erlauben.

In Baden-Württemberg versuchen die CDU-Mitglieder aus Südbaden und dem Schwarzwald Druck auf die Landesregierung auszuüben, damit diese ebenfalls für ein Tempolimit eintritt. Und auch in Bayern. sind die CSU-Politiker flexibler als ihr ParteiKollege Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann in Bonn. Günter Grass, Sprecher des Münchner Umweltministeriums, lenkt vorsichtig ein: „Wir sind für Belehrungen durchaus offen, auch wenn ich nicht verhehlen möchte, daß Bayern bis jetzt noch nicht zu den heißesten Befürwortern eines Tempolimits zählt.“