Kinder sind fremde Leute, kulturell und genetisch“, heißt es in Krambergs schöner Anthologie „Kindersachen“. Ähnlich rigoros formulieren es auch die Autoren des Suhrkamp-Bändchens „Kindheit als Fiktion“: die sogenannten Kindheits-Experten sollten doch endlich einmal zugeben, daß sie von der „substantiellen Beschaffenheit ihrer Forschungsobjekte im Grunde nichts wissen“.

Spätestens seit Ariès’ bahnbrechender sozialhistorischer Studie zur „Geschichte der Kindheit“ (1975 in deutscher Übersetzung bei Hanser erschienen) haben wir eine wahre Inflation von Literatur zum großen Themenkomplex Kinderkultur und Kindheit: Nostalgisches, Programmatisches, Pamphlete, Dokumentationen, Utopien.

In der öffentlichen Diskussion sind die mit Akribie und Sachkenntnis erarbeiteten Titel leider von den eher grell und heftig vereinfachenden Streitschriften verdrängt worden. Die wirklich neuen Denkansätze in dem Taschenbüchlein „Kindheit als Fiktion“ kennen wenige; die auf eine einzige These zusammengeschnurrten Überlegungen des Amerikaners Postman haben dagegen Schlagzeilen gemacht.

Wer zum Beispiel kennt Katharina Rutschkys sensationelle Dokumentation „Deutsche Kinder-Chronik“? Auf 800 Seiten gibt die Autorin ein Panorama des Kinderlebens vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, versammelt in faszinierender Auswahl Material, das Schrecken und Wunschbilder aus vier Jahrhunderten zitiert. Zeitzeugen berichten über Familie, religiöse Unterweisung, Katastrophen, Kindertausch, Spiele, Armenschulen, Kinderarbeit, Waisenhäuser, Krankheit, Kriminalität, Erotik, über Mißgeburten als Schaustücke oder Wunderkinder der Wissenschaften. Mit diesem Mosaik aus vier Jahrhunderten gelingt Rutschky eine Dokumentation, die weder nostalgisch verbrämt, noch verteufelt. Ambivalenz und Vielfalt von Kindheiten werden hier eindrucksvoll vorgeführt.

Die folgenden Titel (in einer ganz subjektiven Auswahl) scheinen mir hervorragend geeignet, den Begriff Kindheit zu erhellen. U. B.

Philippe Ariès: „Geschichte der Kindheit“; Verlag Hanser, München, Wien; 590 S., 44,– DM

Walter Benjamin: „Über Kinder, Jugend und Erziehung“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 122 S., 7,– DM