Von Richerd Gaul

Die schiere Größe der Koalition ist schon beeindruckend: Die Sozialdemokraten, natürlich die Grünen, aber auch Teile der CDU und CSU fordern immer dringlicher eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 Stundenkilometern auf den Autobahnen und 80 Stundenkilometern auf Bundes- und Landstraßen. Nur damit, so wird argumentiert, könne dem leidenden Wald wirksam und schnell geholfen werden.

Die Forderung leuchtet so unmittelbar ein, daß auch liberale Kommentatoren den dirigistischen Eingriff befürworten. Dennoch, die Beweislage ist in diesem Fall doch mehr als dürftig: Alle sogenannten „Studien“ über die – positiven – Wirkungen eines Tempolimits auf die Schadstoff-Bilanz des Verkehrs basieren auf unzureichenden Daten. Da wurden etwa vom Schweizer Umweltamt nur etwas mehr als dreißig Autos untersucht; da berufen sich das deutsche Umweltbundesamt und manche Politiker auf Erhebungen des deutschen TÜV, der gerade knapp zweihundert Autos gemessen hat. Auf solchen Zahlen würde kein Fernseh-Moderator in der Wahlnacht eine Hochrechnung aufbauen – für die sehr viel komplizierteren Entscheidungen im Umweltschutz aber sollen sie reichen?

Der deutsche TÜV hat überdies einen großen Teil der geprüften Autos lediglich bis zu 100 Stundenkilometern gemessen – wie sich der Schadstoff-Ausstoß bei höherem Tempo entwickelt, haben die TÜV-Auftraggeber dann schlicht geschätzt. Diese eigenen Schätzungen waren dann das brüchige Fundament, auf dem die Argumente für eine Entlastung der Umwelt durch ein Tempolimit aufbauten.

Dem TÜV-Rheinland selbst ist dieses unseriöse Spiel mit seinen Zahlen inzwischen unangenehm: Quantitative Aussagen über die Minderung der Schadstoff-Belastung, so erklären die Prüfer, sind aus den Erhebungen nicht abzuleiten. Lediglich in der Tendenz, lasse sich schließen, daß die schädlichen Abgase durch ein Limit verringert würden.

Selbst wenn diese Verminderung, über deren Ausmaß die unterschiedlichsten Schätzungen kursieren, wirklich realisiert würde, so bliebe immer noch zweifelhaft, ob ein generelles Tempolimit den günstigsten Effekt hätte. Denn für die einzelnen Autotypen sind die niedrigsten Schadstoffwerte bei verschiedenen Geschwindigkeiten zu erreichen. Bei manchen kleinen Autos könnte Tempo 100 schon zu schnell sein; bei anderen Autos wäre eine höhere Geschwindigkeit besser für die Umwelt.

Eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung wäre also selbst dann, wenn ihre günstige Wirkung nachgewiesen wäre, noch nicht die optimale Lösung für die Probleme der Umweltverschmutzung durch das Auto. Überdies bleibt in der bisherigen Diskussion völlig unberücksichtigt, wie sich die Verkehrsströme nach einem solchen Tempolimit verteilen würden. Zunächst sind zusätzliche Staus auf den Autobahnen denkbar – mit der Folge einer wieder erhöhten Schadstoff-Belastung. Die Autofahrer könnten sich aber auch entschließen, von den beschränkten Schnellstraßen auf die Bundes- und Landstraßen auszuweichen. Denn dort muß ja nur unwesentlich langsamer gefahren werden; die oft kürzere Entfernung kann deshalb den Ausschlag geben. Bei vielen Ortsdurchfahrten, Beschleunigungs- und Überholvorgängen aber wird dann die Umwelt erneut stärker verschmutzt.