Nun haben wir es wieder: das Hamburger Schauspielhaus an der Kirchenallee, „das schönste Theater Deutschlands“, wie sein ehemaliger Intendant Ivan Nagel stolz, aber nicht grundlos behauptet hat.

Selten sah man vor einer Premiere so viele beschwingte Menschen wie diesmal. Schon im Foyer versicherte einem jeder, den man traf, wie „glücklich“ er sei – tatsächlich, alle gebrauchten das wunderbare Wort. Das Ausweichquartier der letzten drei Jahre, das Operettenhaus an der Reeperbahn, diese bordellbunte Scheußlichkeit, hat ausgedient. Demnächst wird man Freddy Quinn dort sehen, in der „Großen Freiheit Nr. 7“.

Das alte, schöne Haus an der Kirchenallee ist heute schöner denn je. Wie bei den Münchner Kammerspielen vor etlichen Jahren, wurde aus der Renovierung eine Entdeckung: Man fand wieder, was guter Geschmack und prüde Noblesse im Lauf der Jahrzehnte verdrängt, verklebt, versteckt hatten. Man entdeckte, befreite Mosaikfußböden und Deckengemälde, Stuckornamente und goldene Engel.

Ein prächtiges Theater – zu heiter, um protzig zu sein. Eine wohl einzigartige Verbindung von Wucht und Leichtigkeit, Festlichkeit und Trivialität. Kein Juwel (wie die Rokoko-Theater in München oder Erlangen), sondern ein Unikum. Alles unecht, nachgemacht. Fast eine Monstrosität – doch wie das falsche Theater an seinen Glückstagen dem echten Leben überlegen ist, so hier die falsche Kunst der wahren. Kein Kunstwerk ist das Gebäude, sondern eine Inszenierung. Nackt und gleichmütig tragen die Karyatiden ihre tonnenschwere Last, an den Logen und Balustraden schweben die Putten. Das Spiel kann wieder beginnen.

In Deutschland fängt kein Spiel ohne Reden an. Also erklomm der Schauspielhaus-Intendant Niels-Peter Rudolph das Podium und hielt – keine Festrede. Beinahe grimmig rezitierte er statt dessen Friedrich Hölderlins vielleicht beruhmtesten Text: „So kam ich unter die Deutschen“. „Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, daß zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?“

Ganz abgesehen davon, daß diese Sätze in den letzten Jahren bei nahezu jeder Gelegenheit zitiert und rezitiert worden sind (zum Thema „Deutschland im Herbst“ und „Winterreise“), daß sie gewissermaßen zum Lieblingsschlager des leidenden deutschen Intellektuellen geworden sind (und man sie deshalb, zumindest in diesem Jahrhundert, lieber nicht mehr zitieren und rezitieren sollte) – Rudolphs harscher Auftritt war weniger ein Protest gegen die ewige Freudlosigkeit der Deutschen als ein neues Beispiel ebenderselben. Einen Charakter sah man, aber keinen Menschen.

Dann trat unser Erster Bürgermeister ans Rednerpult. Mit dem leicht mürben Charme des geübten Herren-Darstellers machte er zunächst gute Figur. Plauderte graziös von „Leichtigkeit, Leichtsinnigkeit, leichter Sinnlichkeit“. Bekannte sich kokett zur Errettung der Kampnagelfabrik für das Theater. Und gab ein Versprechen: Der Kulturetat der Hansestadt wird, nicht gekürzt, der Kulturetat wird steigen. Hoffentlich sagte er da die ganze Wahrheit.