Von Christiaan L. Hart-Nibbrig

An Stelle der Brust gab die Amme, sagt man, Ammenmärchen. Text, ersatzweise, als Lebensmittel. So verweigert auch Adolf Muschgs neuer Roman die Nahrung in Form von Text.

Aber er gibt dem Leser mehr: Hunger nach Leben. „Und ist den papierischen Büchern nichts zu vertrauen“, warnt das Paracelsus-Motto. Auch diesem Buch nicht, das blutrünstig ist und menschenfresserisch, auf Papier.

Der Ich-Erzähler, ein Vampir und ehemaliger Schweizer Werbe-Fachmann, ernährt sich vom „ewigen Nachgeschmack auf mehr“. Auch das beste Blut schmeckt immer nur nach ihm. Es gefriert auf seiner Zunge, und er schluckt leer und – er erzählt. Denn „Erzählen vereist den Schmerz“.

Mona, ein todkrankes Monstrum an Lebenswille, gewöhnt’s ihm ab, die Gutenachtgeschichten, von denen nicht sicher ist, ob er sie damit gesundbeten oder totreden will, seine Hungerträume, mit denen der lebensmüde Scheintote, der beißt, anstatt zu lieben, ihr seine Abenteuer erzählend zu Füßen legt. Die nächtliche Zuhörerin – ein Medizinball ihre Seele, an dem die Ärzte abprallen und dabei in der Art, wie sie helfen wollen, verraten, was ihnen fehlt – scheucht den Erzähler aus dem Versteck der Bilder auf, die er aus dem Leben saugt, um es stillzulegen. Im Schutz des Bilderverbots und Erzählverdachts kann der Autor im Hintergrund das Erzählen im Vordergrund strömen lassen. Appetit hat der Vampir speziell auf Arztgattinnen. Die sind denn auch zum Anbeißen. Aber sie rascheln, wenn sie auftreten, wie Papier: Blut-Bilder des Erzählers, auch sie, von ihm „wie Figuren“ behandelt, „wie Männer Frauen immer behandelt haben“. Der Aderlaß, diese „wunderbare Kunst“, gibt den Patientinnen des Saugtherapeuten das Gefühl, daß sie gebraucht werden. „Ich werde nicht eins mit meinen Kundinnen, das war einmal. Aber ich mache sie eins mit sich selbst und werde satt dabei.“

Wenn das alles – abgesehen von einer Parabel verklemmter Erotik – ein Modell sein soll für die psychoanalytische Therapiesituation, dann ist es satirisch (als Zerutt aus Muschgs Roman „Albissers Grund“ entpuppt sich der schweizerische Dracula) und darüber hinaus: eine Auseinandersetzung mit einem besserwisserischen Erzählen, welches mit Fingern auf das zeigt, was den Figuren zum sogenannten ganzen Leben fehlt. Der Mehrwert als Manko läßt sich nicht aus der defizitären Perspektive des Ich-Erzählers errechnen, sondern ergibt sich in der Genesungsgeschichte – erzählerische Vivisektion eines lebendig Begrabenen, der sich tot stellt um allem Abschied voran zu sein – als Wandlung seiner Optik aus dem Bedürfnis nach einem anderen Leben.

Der Vampir arbeitet nachts, tagsüber schläft er in einem Keller. Amsterdam, Herengracht 1001. Dort schreibt er auf, was wir lesen, als Rechenschaftsbericht in Briefform an Mijnheer, den blinden Tabakkönig und Sammler von Stilleben, der ihn, den Einäugigen, auf die Suche nach dem Bild der Bilder schickt, von dem er sich nichts weniger als seinen verlorenen Körper zurückwünscht, ein Stilleben, das zeigt, was auch ein Blinder sehen müßte. Als Bild-Transfusion hat der Vampir das erzählend zu liefern. Wenn es den einen oder andern nicht gäbe, sie hätten sich gegenseitig erfinden müssen. Und so ist es denn auch. Aus der ebenso überraschenden wie einfachen Ent-Wicklung des Erzählknäuels, die Monas schlaksig-begabter Freund und Lebensretter, ein als Museumswärter verkleideter Kunstpolizist, betreibt, ergibt sich im dritten Teil (der sich als „Roman“ im Roman versteht): Mijnheer und der Erzähler sind eins, doch so, daß sie aufeinander angewiesen bleiben.