Von Ludwig Hang

Der österreichische Maler Schiele kam sich ’fremd vor im eigenen Körper, „wie aus – gesetzt“; Max Dauthendey, der deutsche Dichter, fühlte sich heimisch in seiner zweiten Haut als Südseeinsulaner.

Was ist innen, was ist außen? Der eine fährt aus der Haut, um außer sich, der andere kommt zu sich, um bei sich zu sein. Was ist also in den Lebewesen, was ist in den Dingen versteckt, was kommt aus ihnen zum Vorschein? Was geht im Menschen, im Tier, in der Pflanze vor, und was dringt davon nach außen? Was passiert zum Beispiel in der Flasche, im Wein, im Spiritus, wenn sich die ominösen Metamorphosen einstellen, der Alkohol auf rätselhafte Weise abgebaut wird, zerfällt und die exzentrische Firne sich einstellt mit ihrem Brot- und Rhabarbergeschmack?

Lauter Fragen, die die Anthropologie, die Psychologie, die organische Chemie zu beantworten versuchen, ohne oft in Rechnung zu stellen, daß sich dahinter noch etwas ganz anderes verbirgt: die Wörter nämlich, die dies alles benennen.

Und so frage ich wohl zu Recht: Was geht in den Wörtern vor? Was geht in den Wörtern Mensch, Tier, Pflanze, was geht in dem Wort Flasche vor? Was also ist in den Wörtern versteckt, von denen vielfach behauptet wird, sie seien nichts anderes als Beförderungsträger und dienten nur dazu, Erlebnisse, Gedanken, Gefühle verbal zu transportieren?

Vielleicht ist es sogar einer der beharrlichsten Irrtümer, anzunehmen, Erlebtes, Gedachtes, Gefühltes bringe, formuliert, Sprache hervor, der Mensch bediene sich der Sprache, die zur Botschaft seiner bedeutungsgeladenen Erfahrungswelt werde: ein Verhängnis dann, wenn dieser Vorgang als unumkehrbar angesehen wird, das heißt wenn nicht zugleich wahrgenommen und erkannt wird, daß auch die Sprache selbst Bedeutung hervorbringt.

Nicht aus Dingen, „aus Wörtern eine Welt“: die experimentelle Literatur hat mit diesem Postulat gearbeitet, manchmal etwas engstirnig, häufig auch engherzig, doch immer mit Konsequenz und Beharrlichkeit, um nämlich herauszufinden, ob nicht die Welt auf eine ganz besondere Weise in den Wörtern verborgen ist.