ZDF, Montag, 8. Oktober, um 22.05 Uhr: "Die Welt des James Joyce". Film von Sein O’Mordha

Wenn Sie denn nun in dieser Woche der Bücher, der Buchmesse, der zentimeterdicken Literaturbeilagen in allen Zeitungen unbedingt fernsehen müssen, dann aber bitte nur diese Sendung! James Joyce, den großen Dichter, leibhaftig für ein paar Minuten eine Pariser Straße entlanggehen zu sehen und seine Stimme zu hören, mit einigen Sätzen aus "Finnegans Wake" – doch, das allein schon ist es wert, auch in dieser Woche anderthalb Stunden lang den Klotz im Wohnzimmer anzustarren und zu lauschen.

Unter Mitarbeit des Joyce-Biographen Richard Ellmann hat Sein O’Mordha einen Dokumentarfilm gedreht, der weit entfernt ist von dem, was uns üblicherweise an aufgewärmten Archivmaterial unter dem Signet "Filmporträt" verkauft wird. Hier hat ein Kenner von Werk und Leben, Spuren von Joyce gesucht und gefunden. Es entstand ein ungewöhnlich detailreicher, optisch schön eingerichteter Film, unterlegt mit seltenen Photos und Dokumenten, einigen wenigen Impressionen aus den Joyce-Städten heute und wohl-kalkulierten, geschickt einmontierten Zitaten und Interview-Ausschnitten.

"Die Welt des James Joyce" – das ist die Welt der irischen Hauptstadt, das Dublin einer Jugend um 1900. Portraits der Eltern: der trinkfreudige, cholerischeitle Vater, der nach und nach sein Vermögen zerstreut, die Mutter, gottergeben, früh verbraucht, mit 44 Jahren vom Krebs zerfressen. Das sind die Jahre im Jesuiten-College von Clongowes Wood, einsame Jahre, die Joyce später, im "Portrait des Künstlers als junger Mann", so eindringlich beschrieben hat. O’Mórdhas liefert die Illustrationen nach: die schäbig-bunten Reihenhausfronten, das milchige Grün der Kricketfelder im August, die dunklen Toreinfahrten der Mabbot Street, wo die Sirenen locken. Wunderschöne Aufnahmen aus dem alten Dublin, dieser Stadt, die Joyce mit 22 Jahren verließ, die er nie verlassen hat.

Über Triest führte ihn der Weg mit seiner jungen Frau Nora Barnacle über Rom, Zürich nach Paris, wo er den "Ulysses" vollendete und "Finnegans Wake" entstand, und wieder zurück nach Zürich, ins letzte Exil. Jahre als Sprachlehrer in Triest, als Bankangestellter in Rom, schließlich, endlich, als freier Schriftsteller in Paris. Was in kleinen, feuchten Wohnungen zwischen Windeln und Geschrei, in ständiger Angst um seine kranken Augen und vor den Gläubigern an der Tür, beginnt, wächst schließlich, zunächst unter der Obhut seines Bruders Stanislaus, später dann, in Paris, unter der Fürsorge einer wachsenden Schar von Freunden und Bewunderern, zu einem der ganz großen Bücher unseres Jahrhunderts: "Ulysses", der Versuch, einen Tag im Leben der Welt schreibend festzuhalten, sekundengenau. Und, noch aus der gleichen ungeheuren Anstrengung heraus, entsteht hier, in 17 qualvollen Jahren "Finnegans Wake", das nächtliche Gegenstück zum "Ulysses". Hatte Joyce im "Ulysses" die Welt bis in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt und versucht, die Zeit anzuhalten, festzuhalten und sie unter dem Mikroskop seiner Sprache zu vivisektieren, so setzte er in "Finnegans Wake" die Welt neu zusammen und gibt sie der Zeit zurück, oder genau er: jenem sagenhaften Raum hinter der Zeit, von dem wir nur im Traum etwas erfahren. Es ist diese subtile Dialektik aus Zersetzung und Wiedererschaffung, aus Blasphemie und Epiphanie, die Robert Musil in seinen "Aufzeichnungen" beschreibt: "Auflösung. Joyce gibt dem heutigen aufgelösten Zustand nach und reproduziert, ihn durch eine Art freien Assoziierens. Das hat etwas Dichterisches oder den Schein davon; etwas Unlehrhaftes und Wiederanstimmen eines Urgesangs." O’Mórdhas Film zeigt in der Biographie des einen Lebens beides: Den Vivisekteur und den Mystiker James Joyce.

Benedikt Erenz