Anmerkungen zum Start der neuen, auf 32 Bände veranschlagten Gesamtausgabe

Von Sven Papcke

Es war ein hochsommerlicher Sonntagnachmittag, dieser 15. Juli 1928, als Marianne Weber in München ankam, um im Bayerischen Rundfunk eine Sendung über ihren Mann aufzunehmen. Wirklich in Hitze versetzte sie aber erst ihr erbarmungslos zusammengestrichenes Redemanuskript, das sie vorher hatte einreichen müssen. „Alles, was die politischen Überzeugungen des Entschlafenen kennzeichnete“, klagte sie in einem Brief vom 20. Juli 1928 an den Religionsphilosophen Peter Wust, war zensiert worden. Damit nicht genug, Schiffbruch erlitt auch ihr rhetorisches Bemühen um Max Webers Weltsicht und „die ungeheure Tragik seines Schicksals“. Zugunsten einlaufender Fußballergebnisse, die auf umgehende Verkündung drängten, schwenkte die Redaktion unvermutet eine Tafel mit der Aufschrift: „Bitte, hören Sie sofort auf.“

Solche Rücksichtslosigkeit mutet heute um so pietätloser an, reiht sich Max Weber doch längst in den Strahlenkanz deutscher Geistesgeschichte ein. Vor allem seiner „verstehenden Soziologie“ halber findet die hiesige Sozialwissenschaft – sieht man einmal von Marx und seinen Sachwaltern bis hin zur Frankfurter Schule ab – noch internationale Beachtung. Und junge Soziologen von Tokio bis Mexico City lernen Deutsch, um Webers Herkunftsanalysen der Industrieära lesen zu können. Aber Marianne Webers Verdruß in München spiegelt die launische Wirkungsgeschichte dieses neben Karl Marx und Georg Simmel wohl bedeutendsten Sozialforschers deutscher Zunge.

Als Max Weber am Montag, dem 14. Juni 1920, nachmittags gegen 15 Uhr an einer damals eher alltäglichen Lungenentzündung starb, war der 1864 geborene Wissenschaftler in der Gelehrtenrepublik immerhin anerkannt. Von einer intellektuellen Breitenwirkung jedoch, vergleichbar der Ausstrahlung eines Heinrich von Treitschke, konnte keine Rede sein. Weber, der sich seit 1909 „Soziologe“ nannte, aber erst 1913 sein Fach genauer definierte und nie einen Lehrstuhl dieser Disziplin hielt, blieb für lange Zeit ein Denker nur für Eingeweihte. Dieser „Diktator eines geistigen Reiches“ (Ludwig Curtius) war erst postum zu würdigen, weilnoch 1920 nur wenige Bausteinne seiner Kulturarchitektonik vorlagen, obschon er trotz aller Gebrechen und Neurosen wie weiland Plinius der Ältere „nulla dies sine linea“ verbrachte. Zu seinen Lebzeiten ist der Prophet eines bürokratischen Kältetodes der industriellen Zukunft eher durch Methodenkonflikte mit dem altehrwürdigen „Verein für Socialpolitik“ und vielleicht noch durch die 1909 beschlossene Einrichtung einer „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“, nicht aber als Gründer einer neuen Wissenssparte aufgefallen.

Wirkung mit Hindernissen

„Wozu das alles? ... In diesem Sinne möchte ich – in aller Hochachtung – sagen, daß der größte Repräsentant des Wissens in unserer Zeit das Wissen zu einem Gipfel, ja zu einem Grat hinaufgeführt hat, von dem es wieder herunterkommen muß.“ So Ernst Correll 1920 in einem Nachruf auf Max Weber. Wozu das alles? Es ist merkwürdig und faszinierend zugleich, die Wirkungsgeschichte dieses Werkes zu verfolgen, das sich in den zwanziger Jahren Band für Band vermehrte. Der Erlanger Sozialwissenschaftler Adolf Günther hat 1921 in seinem Buch „Krisis der Wirtschaft und der Wirtschaftswissenschaft“ auf das Paradox verwiesen, daß Max Webers Losung einer „Werturteilsenthaltsamkeit“ zwar in aller Munde sei, offenbar aber eher das Gegenteil der wohl beabsichtigten Zurückhaltung der Wissenschaften im Auf und Ab der Meinungsstreitigkeiten bewirkte. Der Schöpfer dieser Formel selbst hat solche Verkehrung noch erfahren, im Januar 1914 verließ Weber türenschlagend eine Aussprache im „Verein für Socialpolitik“, auf der ihn niemand inhaltlich unterstützte, und schon vorher hatte er sich verärgert aus der Soziologen-Vereinigung zurückgezogen, weil er nicht als Don Quichotte eines angeblich unhaltbaren Prinzips gelten wollte.