Von Elke von Radziewsky

Vor Hamburgs Toren lacht man über den Behördenstreich, der Hamburgs Kunsttempeln gespielt wurde, so hört man jedenfalls manchen Museumsmann sagen und die meisten Kommentatoren stimmten mit ihnen überein: Mitbestimmung im Museum. Ist das nicht „Unfug als Methode“, nur gedacht zur Disziplinierung selbstherrlicher Direktoren, eingeführt, um nun auch die „Hamburger Museen auf Gewerkschaftskurs“ zu bringen und endgültig auch die Museumskultur auf ein Mindestmaß herabzudrücken?

Drei Jahre wurde das Mitbestimmungsmodell an allen Hamburger Museen erprobt. Anfang diesen Jahres wurde es im Senat für gültig erklärt und verabschiedet. Jetzt wird die Geschäftsordnung überprüft, und sie soll nach den Erfahrungen, die die Beteiligten mit ihr machten, noch einmal geändert werden – eine letzte Chance, Theorie und die Praxis miteinander zu vergleichen, eine Verpflichtung auch zu fragen, welche Bedeutung man dieser gravierenden Verfassungsänderung in der gefährdeten Situation der Hamburger Museen zumißt.

Wichtigstes Ziel der 1980 eingeführten Geschäftsordnung war es, die Mitarbeiter im Museum in die Entscheidungen und die Verantwortung mit einzubeziehen. Deshalb ist vorgeschrieben, daß mindestens alle vierzehn Tage einmal der Museumsrat tagt, dem der Direktor, alle wissenschaftlichen Mitarbeiter und drei Gewählte (das sind Vertreter aus. der Verwaltung, der Technik und dem übrigen Personal) angehören. Der Rat entscheidet über alle wesentlichen Dinge: Ankäufe, Ausstellungen, den Entwurf zum Haushaltsvoranschlag bis hin zur Bau- und Personalplanung. Dabei ist der Direktor an die hier gefaßten Beschlüsse gebunden und zugleich verantwortlich für sein Haus. Er hat das Recht, sein Veto gegen Entscheidungen einzulegen, die er nicht zu verantworten können glaubt. Den Schiedsspruch fällt dann der Präses der Kulturbehörde.

Begonnen hatte das alles 1975 am Museum für Hamburgische Geschichte, wo angeregt durch eine Gruppe junger Hamburger Museumsleute, zum Teil Mitglieder des „Ulmer Vereins“ (ein Zusammenschluß progressiver deutscher Kunsthistoriker), ein dem Frankfurter Historischen Museum ähnliches Arbeitsmodell durchsetzten. Nach drei Jahren war im Abschlußbericht zu lesen, das Beobachtergremium sehe sich zur Zeit außerstande, „das Modell für andere Hamburger Museen zu empfehlen“. Doch trotz aller Einwände der Beteiligten, trotz heftiger Kritik von außen führte die Hamburger Kulturbehörde, der die Angelegenheit längst zur Herzenssache geworden war, das Experiment nicht nur weiter, sondern dehnte es sogar auf alle Hamburger Museen aus. Nach weiteren drei Jahren wurden dann alle in den Museumsräten beteiligten Mitarbeiter aufgerufen, ihre Erfahrungen niederzuschreiben. Von 68 Mitgliedern folgten 40 dem Aufruf. Ihre Aussagen wurden in einem erneuten Erfahrungsbericht zusammengefaßt, der dann Grundlage für die Verabschiedung im Senat wurde – immerhin ein erstaunlicher Vorgang, an dem die immer wieder vorgebrachten Proteste nicht nur der Direktoren, sondern zum Beispiel auch des (selber dem „Ulmer Verein“ angehörenden) Kunsthistorikers Martin Warnke, nichts änderte. Eine neuerliche Abstimmung wie vor der Probezeit gab es nicht.

Nur zwei Direktoren, und diese auch mit Einschränkung, plädieren heute noch für das Modell: Und selbst diese; Jörg Bracker (Direktor Museums für Hamburgische Geschichte), der die längste Erfahrung mit der Mitbestimmung hat, und Gerhard Kaufmann (Direktor des Altonaer Museums) befürworten das Modell zwar prinzipiell, in der Praxis aber gedämpft, fast nur pflichtbewußt. Denn was brachte ihnen diese Verfassung ein? Kompetenzstreitigkeiten mit den anderen Wissenschaftlern, Frust und, wie es offensichtlich empfunden wird, Persönlichkeitsverlust im Selbstverständnis als Direktor.

Sehr viel entschiedener in ihrem Urteil sind diejenigen Direktoren, die das Modell ablehnen. Jürgen Zwernemann (Direktor des Hamburgischen Museums für Völkerkunde) fühlt sich regelrecht verschaukelt, in seiner Arbeit „vom Museumsrat überwacht“; er ist so verbittert, daß er außerhalb der Dienstzeit nicht mehr bereit ist, sich für Museumsinteressen einzusetzen. Seine frühere Stellung als Abteilungsleiter in Stuttgart hätte er niemals gegen dieses Direktorenamt (immerhin an einem der international bedeutendsten Völkerkundemuseen) getauscht, wenn er gewußt hätte, daß hier die Mitbestimmung eingeführt wird. Auch Claus Ahrens, der Direktor des Helmsmuseums (Hamburgs Museum für Vor- und Frühgeschichte), der dienstälteste Hamburger Museumsdirektor, lehnt das Modell rundheraus ab. Wie immer geht es um die Macht, sagt er, und das heißt, die Macht der Direktoren soll beseitigt und der Kulturbehörde zugeschlagen werden.