Stetten am kalten Markt

Antreten zum Theater: Der blaumelierte Kunststoffboden der Mehrzweckhalle federt unter den Schritten von 500 einmarschierenden Soldaten. Der Truppenaufmarsch gilt einer Welturaufführung. „Die Gewissensfrage“ heißt das Stück, die „Badischen Kammerschauspiele“ führen es auf, das Bundesverteidigungsministerium gibt Geld und Stetten am kalten Markt, größter Truppenübungsplatz von Baden-Württemberg, hat die Ehre. Letzte Anweisung an die Soldaten: „Am Ende bleiben Sie aus Höflichkeit erst einmal sitzen, bis der Saal sich geleert hat.“

500 zivile Besucher lassen vom Militär ihre Eintrittskarten kontrollieren. Schüler, Ehrengäste und – viele Journalisten. Denn die Premiere, Auftakt einer Tournee mit etwa 200 Vorstellungen vor Schulklassen und Jugendgruppen in der ganzen Bundesrepublik, hat Vorgeschichte.

Da ist ein kleines Theater in Emmendingen bei Freiburg, ein privat betriebenes, das jenseits des Minimums existieren will; Zuschüsse im Kulturbetrieb sind knapp, Besucherrekorde selten. Und da ist die große Bundeswehr, die lebhafteren Zuspruch ebenfalls vertragen könnte, aber über einen ungleich üppigeren Etat verfügt. Warum also dem kleinen kulturellen Unternehmen vom großen Kuchen des militärischen nicht ein Stück abgeben – entsprechende Gegenleistung vorausgesetzt?

Gerade hatte eine Umfrage der Badischen Kammerschauspiele unter Jugendlichen ergeben, daß das Interesse am Thema Bundeswehr überwältigend sei, als Intendant Georg A. Weth sich 1980 ans Bundesverteidigungsministerium wandte. Sein Angebot: Ein Stück über Kriegsdienstverweigerung gegen Beteiligung an den Produktionskosten herauszubringen. Das Ministerium signalisierte Zustimmung. Der Journalist Thilo Koch übernahm es, ein Exposé zu verfassen und definierte die Aussage des Stückes so: „Wehrdienst ist recht verstanden tatsächlich Friedensdienst.“

Geprobt wurde in Stetten. Gespräche mit Soldaten und regelmäßige Besuche eines Offiziers vom Bonner Pressestab sollten dafür sorgen, daß die Bundeswehr im rechten Lichte erscheint. Um die Argumente der Gegenseite auszuloten, genügte den Theaterleuten ein zweistündiges Gespräch mit Sigmaringer Kriegsdienstverweigerern.

So kam es, daß vor der Premiere Begriffe wie „Front-Theater“, „Wörner-Bühne“ und „Propaganda-Unternehmen“ die Runde machten. Thilo Koch indes distanzierte sich vom Stück wegen der zu „linkslastigen“ Auslegung – so jedenfalls Intendant Weth. Koch selbst sagt nichts dazu. Am Donnerstag der vergangenen Woche wurde allen Spekulationen der Boden entzogen; endlich hieß es: Vorhang auf, Feuer frei!