Von Wolfgang Hoffmann

Spätestens als die Polizei kam und den 55jährigen Stahlhändler Erich-Karl Trittel in diesem Sommer samt Aktenordnern – und das gleich kistenweise – abholte, war allen in der Branche klar: Beim Zusammenbruch des Augsburger Mischkonzerns ERAG war es nicht mit rechten Dingen zugegangen. Von Betrug, Steuerhinterziehung und Untreue ist nun die Rede.

Ähnlich verlief kürzlich eine Aktion in Hagen. Mit der Festnahme von drei bislang wohlsituierten Immobilienmaklern der „Betreuungsgesellschaft für Anlagevermögen“ endete einer der größten Immobilienskandale nach dem Krieg – zumindest vorläufig. Die genaue Zahl der geprellten Anlagekunden steht immer noch nicht fest. Der Schaden liegt nach ersten Schätzungen weit über zehn Millionen Mark.

In Bonn schließlich steht derzeit der Baulöwe Claus Winter vor Gericht, nach eigenen Worten der Erfinder des Bauherrenmodells für Steuerabschreibungen. Die Bonner Staatsanwaltschaft hält dem Baulöwen vor: Betrug, Untreue, betrügerischer Bankrott, falsche Buchführung, falsche Bilanzen und Steuerhinterziehung. Der von Winter angerichtete Schaden wird auf 15 Millionen Mark geschätzt.

„Rosa Zeiten für Weiße-Kragen-Täter“ sind angebrochen, schrieb der nordrhein-westfälische Justizminister Dieter Haack vor kurzem und meinte: „Moderne Sklavenhändler, Subventionsschwindler, Steuerhinterzieher, Bankrotteure, kriminelle Ärzte und Apotheker richten neben anderen Großbetrügern Jahr für Jahr Schäden in Milliardenhöhe an“. Staatssekretär Siegfried Fröhlich aus dem Bonner Innenministerium findet den Schaden, der durch die steigende Anzahl der Wirtschaftsstraftaten verursacht wird, ebenfalls „erschreckend“.

Doch nur ein kleiner Teil dieser Straftaten wird entdeckt und geahndet. Die Dunkelziffer ist bei Wirtschaftsverbrechen außerordentlich hoch. Deshalb ist bei den Schätzungen der Gesamtschäden, die die Wirtschaftskriminellen anrichten, Vorsicht geboten. Eine Schätzung, die in der Kriminalliteratur häufig Zu finden ist, beziffert den Schaden auf zehn Prozent des jährlichen Bruttosozialprodukts. Das bedeutet für 1983: rund 170 Milliarden Mark. Andere Berechnungen gehen davon aus, daß die Steuersätze um ein Drittel gesenkt werden könnten, wenn nur alle Steuern ehrlich gezahlt würden.

Auch wenn diese Schätzungen überzogen sind, so steht für Experten wie Staatssekretär Fröhlich fest: „Kein anderer Deliktbereich weist ähnlich hohe Schadenssummen auf.“ Zur Untermauerung solcher Aussagen sind die Behörden keineswegs nur auf Schätzungen angewiesen. Seit 1974 wertet das Max-Planck-Institut für Strafrecht in Freiburg statistisches Material der Staatsanwaltschaften in der Bundesrepublik ausschließlich zu dem Zweck aus, genauere Kenntnisse über die Entwicklung der Wirtschaftskriminalität zu gewinnen. Nach den jüngsten Berechnungen steht für die Freiburger Wissenschaftler – Juristen, Soziologen und Kriminologen – zweifelsfrei fest: 1983 haben die Kriminellen im Nadelstreifenanzug und Aktenköfferchen mehr denn je abkassiert – rund sieben Milliarden Mark. Damit stieg der Schaden aus der Wirtschaftskriminalität binnen eines Jahres um rund 43 Prozent.