Am 22. Februar 1943 gegen 17 Uhr endeten im Hinrichtungsraum des Gefängnisses München-Stadelheim die Lebenswege der Geschwister Hans und Sophie Scholl unter der Guillotine. Die vom Volksgerichtshof ausgesprochenen Todesurteile wegen Vorbereitung zum Hochverrat waren, wie eine Pressenotiz am Tage danach mitteilte, vollstreckt. Was nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft folgte, waren Legenden, erzählende Schilderung, historische Berichterstattung, Deutungen um die politische Dimension, auch Fehldeutungen und Versuche ideologischer Vereinnahmung, auch, Ende der sechziger Jahre, eine vermeintliche Entmythologisierung und Filme. Die in Anspruch und Ausführung sehr unterschiedlichen Darstellungen berühren allesamt jenes Geschehen, das mit den Namen Hans und Sophie Scholl aufs engste verbunden ist: die Widerstands- und Verfolgungsgeschichte der „Weißen Rose“.

Was war die „Weiße Rose“? Bis heute sind in den Beantwortungen Fragezeichen geblieben. Mit der Herausgabe einer Auswahl von Briefen und Aufzeichnungen der Geschwister

„Hans Scholl/Sophie Scholl – Briefe und Aufzeichnungen“; herausgegeben von Inge Jens; S. Fischer, Frankfurt 1984; 306 S., 30,– DM

bietet sich eine neue Form der Annäherung an die gestellte Frage. Zwei Menschen kommen hier zu Wort, die neben anderen ihr Leben ließen für die Sache der „Weißen Rose“. Sucht der Leser jedoch in den Briefen und Tagebuchniederschriften den Namen „Weiße Rose“ und Notizen zum Beispiel über die Flugblattaktionen in München oder Beschreibungen von konspirativen Reisen, wird er nicht bloß enttäuscht, sondern verkennt daneben die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der freien gesprochenen wie geschriebenen Rede unter der Hitler-Diktatur. Dennoch bietet der Band manche mittelbare Aufschlüsse über die „Weiße Rose“, weil gerade die Einzelbetrachtung der involvierten Personen zum Verständnis der Hintergründe des Ganzen führt. Aus chronologisch zusammengefügten Dokumenten der Jahre 1937 bis 1943 entstehen nacheinander Selbstporträts von Hans Scholl, geboren 1918 in Ingersheim, und Sophie Scholl, geboren 1921 in Forcntenberg.

Die Geschwister geben ihrem Dank und ihrer Freude Ausdruck, ihren Selbstreflexionen, ihren Sorgen, ihrem Ringen um das, Wesen der Dinge, ihrem religiösen Verständnis und im besonderen ihrer Menschen- und Weltzugewandtheit. Dabei erkennt man deutlich die Eigenständigkeit ihrer Charaktere, ihrer Persönlichkeiten. Nachdenkenswertes über Natur, Kunst und Literatur findet sich neben Aussagen über die Einsamkeit, das Leid, die Schwermut, die Freiheit und die Verantwortung des einzelnen. Aus vielem spricht die Kraft einer erstaunlichen Unabhängigkeit des Geistes zweier junger Menschen, denen die Unfreiheit in jener Zeit zur Herausforderung wurde.

Sind die Lebensgeschichten der Geschwister auch ein Teil deutscher Widerstandsgeschichte geworden, weil Hans und Sophie Scholl gemäß den eigenen Vorstellungen von Recht und Unrecht über die Grenzen des Privatpersönlichen hinaus wirken wollten und wirkten, so erschöpft sich beider Leben nicht in den Widerstandshandlungen. Die Resistenz und deren Folgen sind, nach alledem, was die beiden auf der Suche nach sich selbst über Jahre erfahren und aufgezeichnet haben, ein Hinzukommendes. Im Blick auf die zahlreichen, erst jetzt veröffentlichten Zeugnisse mag Authentizität das Kriterium für die Bewertung dieses Buches sein.

Die Herausgeberin hat die Briefe und Aufzeichnungen mit erläuternden Zwischentexten, mit umfänglichen Anmerkungen – unter ihnen gelungene Personenbeschreibungen und weiterführende Literaturangaben – sowie mit einem hilfreichen Register versehen. Vielleicht hätte eine Bruchziffer im Text auf die jeweilige Anmerkung hinweisen sollen. Erläuterungswert wäre sicherlich die eine oder andere weitere Passage gewesen. Zwei Beispiele: