Von Alexander Rost

Dönitz halte „den Kopf gesenkt, sieht nicht mehr hin“, notierte der amerikanische Psychologe, der am zweiten Tag im Nürnberger Prozeß zu beobachten hatte, wie die Angeklagten angesichts eines Films von KZ-Greueltaten reagierten; und dann nach einem Gespräch in der Zelle: Dönitz habe die Kenntnis von „solchen Dingen“ empört abgestritten und die Frage, warum er nicht zu Himmler gegangen sei und Informationen über die Konzentrationslager verlangt habe, als „albern“ zurückgewiesen; Himmler hätte ihn „rausgeschmissen, genauso wie ich ihn rausgeschmissen hätte, wenn er angekommen wäre, um die Marine zu untersuchen“.

Er sei, beteuerte der Großadmiral, „nur durch Zufall so hoch aufgestiegen“ und habe „mit der Partei nie das geringste“ zu tun gehabt. Im Gerichtssaal begann er die Aussage über seinen Lebenslauf mit dem Satz: „Ich bin Berufssoldat seit 1910, Berufsoffizier seit 1913“, womit er herausstreichen wollte, daß er ein Nur-Soldat sei, gehorsam seinem Eid verpflichtet, sauber separiert von der „politischen Führung“, mit welcher Floskel man im hohen Militär die Regierung als ein Abstraktum jenseits der Soldatenwirklichkeit erscheinen ließ. Der alliierte Militärgerichtshof blieb davon nicht unbeeindruckt.

Zehn Jahre Haft – von den Freisprüchen für Papen, Schacht und Fritsche abgesehen, kam Karl Dönitz, der letzte Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, der seine Admiralskarriere als Führer der U-Boote begonnen und den Hitler schließlich zum Nachfolger an der Spitze des Staates bestimmt hatte, mit dem mildesten Urteil davon. Weil es, wenn auch nicht contre coeur der Briten, unter dem Druck der Sowjets und entgegen der Meinung des amerikanischen Flottenchefs Nimitz gefällt wurde, empfand man es nicht nur in Deutschland als kaschiertes Eingeständnis, daß Dönitz eigentlich nichtschuldig war; und die blaue Internationale der westlichen Marinen hat ihn mithin nicht verfemt.

Seeoffiziere, deren Schiffe zum Flottenbesuch in Hamburg lagen, unternahmen gern einen zivilen Abstecher nach Aumühle, zur Hochachtungsvisite bei dem Mann, über den Lord Cunningham, Admiral of the Fleet und Erster Seelord, in der Sunday Times geschrieben hatte, er sei „sehr wahrscheinlich der gefährlichste Feind“ gewesen, „mit dem Britannien sich seit de Ruyter auseinandersetzen mußte“. In Aumühle am Rand des Sachsenwaldes – wenn man so will: im Bannkreise Bismarcks – wohnte Dönitz nach der Entlassung aus dem Spandauer Gefängnis, 1956, bis zu seinem Tod am Weihnachtsabend 1980.

Seine beiden Söhne waren im Krieg gefallen, der eine in einem U-Boot, der andere auf einem Schnellboot. Die Tochter, das älteste der drei Kinder, hatte 1937 einen Marineoffizier geheiratet, der als Admiralstabsoffizier ein auch kritischer Gehilfe seines Schwiegervaters wurde. Dönitz’ Frau Ingeborg, die nach dem Krieg als Krankenschwester arbeitete, starb 1962. Vornehm, bescheiden, in der alten Strenge, die Freundlichkeit nicht ausschloß, und im Anzug adrett bis an die Grenze der Eitelkeit, wirkte der alte Herr, auch als er fast taub und nahezu blind geworden war, wie die Selbstdisziplin in persona.

Der ehemalige Großadmiral (der sechste in Deutschland, ernannt 1943, nach Koester 1905, Prinz Heinrich von Preußen 1908, Tirpitz 1911, Holtzendorff 1918 und Raeder 1939) erhielt die Ruhestandsbezüge eines Konteradmirals. Er wurde ein eifriger Historiker seiner selbst und legte schon 1958 seine Kriegsmemoiren „Zehn Jahre und zwanzig Tage“ vor, denen 1968 die Erinnerungen „Mein wechselvolles Leben“ und 1980 noch „40 Fragen an Karl Dönitz“ folgten. „Ich habe damals das Menschenmögliche getan in einer chaotischen Zeit“, bündelte er die Rechtfertigungsbemühungen in seinem letzten Interview.