Von Willi Jasper

Publikationen über die Alltagsgeschichte des Dritten Reichs sind ebenso zur Mode geworden, wie sie auch umstritten sind, Öffentlich polemisierten die Historiker zuletzt über das Schlagwort „Alltagswirklichkeit“ anläßlich der Herausgabe des sechsbändigen Werks „Bayern in der NS-Zeit“ durch das Institut für Zeitgeschichte. Hauptkritikpunkt an der Geschichtsschreibung „von unten“ besteht im Vorwurf, daß Strukturanalyse durch Erfahrungsgeschichte nicht ergänzt, sondern ersetzt werde. Dahinter verbirgt sich die Furcht vor einer Trivialisierung der Katastrophe. Obwohl Heinz Boberach (Bundesarchiv Koblenz) schon vor nahezu zwanzig Jahren bei Luchterhand eine Auswahl der „Meldungen aus dem Reich“ (geheime Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS) herausgegeben und kommentiert hat, wurde die gewaltige Dokumentenmasse, die ja im Archiv zugänglich war, bisher von Historikern kaum publizistisch ausgewertet. (Eine der wenigen Ausnahmen bildet die Arbeit von Marlis G, Steinen „Hitlers Krieg und die Deutschen“.) Die Ursache für diese seltsame Enthaltsamkeit scheint in Unsicherheiten gegenüber der Brauchbarkeit von Öffentlichkeitstheorien zu bestehen. Offizielle Lehrmeinungen verkörpern nach wie vor die Ansicht, es gäbe in totalitären Staaten keine nennenswerte oder nur eine schwach ausgeprägte öffentliche Meinung, und demzufolge hätten auch die faschistischen Staaten „nur über ein sehr dürftiges und wenig leistungsfähiges Instrument der Meinungsforschung“ (Hofstätter) verfügt. Die jetzt von Heinz Boberach vorgelegte Gesamtdokumentation der „Meldungen aus dem Reich“ (erfaßt ist der Zeitraum von 1938-1945) beschreibt auf 8000 Seiten(!) in bisher unbekannter Detailgenauigkeit nicht nur die Volksstimmung, sondern auch die Arbeitsweise eines komplexen Meinungsforschungsapparates.

„Es schwebte mir vor, ein Organ zu schaffen, das an Stelle einer öffentlichen Kritik die Staatsführung gleichwohl in die Lage versetzen sollte, die im Volke vorhandenen oder entstehenden Auffassungen kennenzulernen und zu berücksichtigen“, beschrieb der für den Inlandsnachrichtendienst des SD zuständige Otto Ohlendorf seine Ambitionen. Wem alles die Berichte zugeleitet wurden, ist nicht bekannt. Hitlers Eingreifen in der Kirchenfrage, seine Haltung hinsichtlich der Euthanasieaktion, seine Äußerungen über die Ansichten der Bevölkerung nach dem Sturz Mussolinis verraten eine genaue Kenntnis der Volksstimmung. Goebbels und Rosenberg haben die „Meldungen“ in ihren Tagebüchern erwähnt, Himmler, Heydrich und dann Kaltenbrunner mußten sie als unmittelbare Vorgesetzte der Referenten zur Kenntnis nehmen.

Wahrscheinlich haben alle Reichsminister und alle Reichsleiter der NSDAP die „Meldungen“ bezogen. Beamte und regionale Führungskräfte erhielten Ausschnitte. Nach Kriegsbeginn erschienen die ursprünglichen Monatsberichte des SD täglich. Die politische Führung sollte möglichst genau über die Reaktionen des Volkes auf die militärischen und politischen Ereignisse informiert werden. Die Berichterstattung beruhte auf Beobachtungen von hauptamtlichen SD-Führern, der von ihnen eingesetzten Außenstellenleiter und Vertrauensleute sowie auf Äußerungen von Fachleuten wie Verwaltungsbeamten, Richtern, Lehrern, Unternehmern, Medizinern, Künstlern und Wissenschaftlern.

Thematisch aufgegliedert sind die Berichte in Abschnitte wie „Allgemeine Stimmung und Lage“, „Gegner“ (bis 1940), „Kulturelle Gebiete“, „Recht und Verwaltung“, „Wirtschaft“, „Volkstum und Volksgesundheit“. Ein Auszug eines SD-Rundschreibens verdeutlicht, wie dicht geknüpft das Überwachungs- und Informationsnetz war: „Es ist dafür zu sorgen, daß alle Kreise der Bevölkerung in ihrer stimmungsmäßigen Haltung ständig überwacht werden.“ Die Vertrauensleute sollten „in unauffälliger Form die tatsächliche stimmungsmäßige Auswirkung aller wichtigen außen- und innenpolitischen Vorgänge und Maßnahmen“ zu erfahren suchen, „in den Zügen (Arbeiterzüge), Straßenbahnen, in Geschäften, bei Friseuren, an Zeitungsständen, auf behördlichen Dienststellen (Lebensmittel- und Bezugscheinstellen, Arbeitsämtern, Rathäusern usw.), auf Wochenmärkten, in den Lokalen, in Betrieben und Kantinen“.

Zum Abschnitt „Kulturelle Gebiete“ gehörten regelmäßige Berichte über die „Aufnahme“ und „Auswirkung“ von Propaganda im allgemeinen und der Wochenschau im besonderen. Da die Referenten mehrfach aufgefordert wurden, „rückhaltlos, ohne Schönfärberei oder propagandistische Aufmachung“ zu berichten, ist die Annahme berechtigt, daß vieles rosiger ausfiel als die Wirklichkeit. Will man nach einigen tausend Seiten Studium der Dokumente, ermüdet durch eine oft monotone Darstellungsform, eine Zusammenfassung versuchen, muß man Labilität und Differenziertheit der Meinungen zugleich konstatieren. Offenkundig ist, daß das Dritte Reich nur selten von einem einhelligen Volksvotum getragen war.

Der Kriegsbeginn wurde ohne Begeisterung und mit Sorge aufgenommen. Die ersten Siegesmeldungen im Jahre 1940 führten vorübergehend „eine bisher noch nicht erreichte innere Geschlossenheit“ herbei. Das unabsehbare Ende des Krieges, die wachsenden Ernährungsschwierigkeiten und die massiven Luftangriffe auf deutsche Städte förderten ab Mitte 1942 die pessimistischen Stimmungen, die nach Stalingrad in Fatalismus übergingen. Der tägliche Kampf ums Überleben verdrängte die Fragen der großen Politik. Kritik am Bürokratismus, an Parteibonzen und sozialen Ungerechtigkeiten wurden allerdings immer ausgesprochen – auch spontane Massenproteste gab es. Auffallend aber, daß Hitler fast immer von der Kritik verschont blieb. Beißende Kritik an Gau- und Parteileitung und zynische Witze über die Lage an der Ostfront verbanden sich oft mit einer naiven Anhänglichkeit an den „Führer“ als Pater patriae. Der Volk-Führer-Mythos des Dritten Reichs bestätigte eindringlich die These Max Webers, daß charismatische Herrschaft sich „veralltäglichen“ müsse. Nicht zufällig lautete eine ständige Redewendung: „Wenn das der Führer wüßte!“