Erfahrungen eines Zugereisten mit dem hanseatischen Straßenverkehr

Von Hartmut Cardeneo

Im Norden ist alles anders. Leicht widerfährt es dem Fremdling, der irgendein Schild übersehen, daß er auf dem Wege nach Schweden per Zufall ein paar Kilometer Hamburger Straßen genießt. So also auch mir. Ich hatte es eilig, die Straße war in jeder Richtung etwa anderthalbspurig, lange S-Kurve, 50 km/h waren erlaubt, 70 las ich auf dem Tacho ab – Donnerwetter, schon wieder um einiges zu schnell –, da bekam ich den bösesten Schock seit vielen Jahren Lenkraderfahrung. Es hupte direkt links neben mir. Fuhr da doch ein Opel, der Sekunden vorher noch nicht im Rückspiegel zu sehen gewesen war, und machte darauf aufmerksam, daß ich soeben ein wenig weiter nach links abgekommen war als unbedingt nötig und daß er deshalb Gefahr lief, die durchgezogene weiße Linie überfahren zu müssen. Es ging tatsächlich, und mit Eleganz, mit zehn Zentimetern Abstand zwischen den Fahrzeugen.

War das nun ein Verrückter, ein Oberrowdy, ein Verbrecher auf der Flucht, ein Kommissar im Einsatz oder Graf Berghe von Trips inkognito, der da – mit mindestens 40 km/h mehr als erlaubt – in der Kurve überholte? Nachdem ich jetzt eineinhalb Jahre in Hamburg wohne, arbeite und fahre, weiß ich es genau: Das war ein ganz normaler Hamburger. Oder eine Hamburgerin.

Vorwärtskommen ist alles. Darauf lassen sich alle hier wiedergegebenen Beobachtungen zurückführen. Diesem Gesetz entsprechend werden alle Verkehrsregeln zurechtgebogen. Bei typischem Verkehr auf mehrspurigen Straßen gibt es kaum eine Ampel, die nicht jedesmal noch überfahren wird, wenn sie schon Rot zeigt. Die wenigen Ausnahmen beruhen im wesentlichen darauf, daß mehrere Ortsfremde gleichzeitig nebeneinander auf eine gelbe Ampel zufahren.

Folgendes Beispiel demonstriert die Relativität von Lichtzeichenanlagen in dieser Gegend: Ampel mit Richtungspfeilen für Linksabbieger. Hauptrichtung wird grün, der Ortsfremde, dem Kennzeichen nach aus Hannover, der als erster in der Linksabbiegerspur steht, übersieht den roten Pfeil und fährt los, der Einheimische dahinter auch. Als Dritter steht nun wieder ein nicht an Hamburger Verhältnisse adaptierter Fahrer da, und der bleibt stehen, denn seine Richtung ist ja noch gesperrt. Hupkonzert aus mindestens drei verschiedenen einheimischen Hupen hinter ihm. Das Signal „Es geht weiter“ ist stärker als das Ampelsignal.

Auch Geschwindigkeit ist relativ. Wer auf der Langenhorner Chaussee die erlaubten 50 km/h einhält, wird zum Verkehrshindernis. Wer dort auf seinem Tacho 70 abliest, wird mit Sicherheit überholt, nicht etwa von einem BMW, wie in Köln verständlich wäre, sondern von einem Dieselmercedes oder einem VW-Bus im typischen Fall. Gelegentlich steht auch in Hamburg die Polizei mit einem Radargerät an der Strecke. Aber offenbar gilt bei der Polizei auch, was in Hamburg allgemeiner Konsens ist: 20 km/h zuviel ist eine angepaßte Geschwindigkeit. Geblitzt wird nach meinen Erfahrungen erst ab 75 km/h in der Stadt. Kein Streifenwagen, der selbst 60 fährt, meckert einen an, wenn man ihn überholt – ausgenommen vielleicht, er fährt mit Blaulicht.