Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im Oktober

Wieviel Gardinenringe er denn gekauft habe, fragt die Frau ihren Mann, als er vom Einkauf nach Hause kommt. „34 und noch einen“, sagt der Mann. „Warum sagst Du nicht 35“, wundert sich die Frau. „Hör auf“, stöhnt der Mann, „ich kann die Zahl ‚35‘ nicht mehr hören.“

Seit Wochen und Monaten werden die Menschen in der DDR von ihr verfolgt: der 35, verbunden mit dem Staatsemblem und den Buchstaben DDR. Denn am 7. Oktober ist wieder ein runder Geburtstag ihres Staates fällig, der fünfunddreißigste immerhin.

In jedem noch so kleinen Schaufenster steht deshalb die 35, gleichgültig, ob zwischen Büstenhalter und Hüftgürtel oder neben Lottozahlen oder Wellensittichfutter, ob in privaten Fleischereien oder bei der Annahmestelle für Altpapier und alte Flaschen. Schon lange kann der DDR-Bürger keine Zeitung mehr aufschlagen, ohne daß ihm die 35 ins Auge springt. Bereits im Januar dieses Jahres druckten die Zeitungen den „Aufruf zum 35. Jahrestag der Gründung der DDR“, bei dem kaum jemand ausgelassen wurde: „An alle Arbeiter und Genossenschaftsbauern, an die Intelligenz, die Handwerker und Gewerbetreibenden, an die Angehörigen der Nationalen Volksarmee und der anderen bewaffneten Organe, an alle Frauen und Männer, an die Jugend des Landes, an die Veteranen des antifaschistischen Kampfes und der Arbeit.“ Vor allem sollten sie alle mehr arbeiten. Wissenschaft und Technik zum Beispiel sollten „im sozialistischen Wettbewerb zu Ehren des 35. Jahrestags“ mehr für die „Steigerung der Arbeitsproduktivität, -effektivität und -qualität“ tun; in der Bürgerinitiative der Nationalen Front „Schöner unsere Städte und Gemeinden – mach mit“ sollte die DDR verschönt werden; die Kulturschaffenden sollten „den wissenschaftlichen und künstlerischen Reichtum“ des Landes mehren.

Das Neue Deutschland stellte in einer Serie sämtliche Bezirke des Landes ausführlich vor, und es gab – wen wundert es? – nur Positives von überallher zu berichten. „Der Thüringer Wald – gehegt und gepflegt“, hieß es zum Beispiel im Artikel über den Bezirk Suhl. Aus dem Bezirk Schwerin wurde mitgeteilt: „Was aus Wüstmark und der Griesen Gegend wurde“. „Der Oderbruch wird immer fruchtbarer“, freute sich der Chronist des Bezirkes Frankfurt/Oder, und vom Bezirk Halle vermeldete der Schreiber jubelnd „Kraftzuwachs bei den Chemieriesen“. Nicht weniger begeistert ging es zu bei der Serie in der Berliner Zeitung: „Bezirksstädte im 35. Jahr der Republik“, oder bei der Reihe über „Lebenswege von Zeitgenossen“ zum 35. Geburtstag. Es wurden 1949 geborene Menschen aus der DDR vorgestellt, und der Leser wußte von vornherein, daß er nichts anderes zu erwarten hatte als die Deklamation ihrer totalen Übereinstimmung mit dem Staat, mit dem sie das Geburtsjahr gemeinsam haben.

Immer wieder wurde der Anfänge gedacht. So suchte zum Beispiel die Junge Welt „Kleidung aus 35 Jahren DDR-Geschichte“ für eine Modenschau. So veröffentlichte dieselbe Zeitung die Serie „Das Jahr eins der DDR“, in der beschrieben wurde, wie es damals in Industrie und Landwirtschaft aussah. Beim Neuen Deutschland hieß die entsprechende Reihe „In die Geburtsurkunde eingeschrieben“, mit der Unterzeile: „Vom Werden und Wachsen der DDR – Daten, Episoden und Aktionen“. Auch in dieser Serie fanden die Schreiber nur Anlaß zum Jubel: Die Kollektivierung auf dem Lande wurde gefeiert oder das neue Schulwesen, oder jemand erinnerte sich an das erste Landambulatorium in Golßen, Kreis Luchau. In der Illustrierten Für Dich hieß es „Was war und wurde“; der Leser durfte zum Beispiel auf einem vergilbten Photo eine Trümmerfrau bei der ersten Nachkriegsarbeit sehen. Daneben stand ein Werbephoto des Ostberliner Magistrats für das heutige Zentrum rund um den Fernsehturm. Oder ein Photo vom zerstörten Zwinger, daneben der heutige, rekonstruiert, mit Kulturdarbietung. In einem HO-Schmuckgeschäft auf der Ostberliner Einkaufsstraße, der Schönhauser Allee, steht seit einiger Zeit in jedem der sechs Fenster eine andere Erfolgsmeldung zum Thema „Im 35. Jahr unserer Republik produzieren wir in einer Stunde“, zum Beispiel: 173,2 Tonnen Fleisch, im Gründungsjahr waren es genau 11,3 Tonnen, oder 32 112 Tonnen Zement (1949: 16 Tonnen) oder 22,2 Wohnungen (1949: 3,4). Ein paar Häuser weiter, im Spirituosengeschäft „Goldene Rebe“, heißt es zum 35.: „Wir stoßen an auf unsere Republik“.