Ansätze zum Brückenschlag zwischen Hochschule und Arbeitnehmern

Von Hans Dieter Müller

Ein Elfenbeinturm sollte die neue Bremer Universität nicht werden. Darin waren sich der sozialdemokratische Bürgermeister und die Universitätsgründer von 1970 einig. Eine „Stätte kritischer Bewußtseinsbildung gegenüber gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Prozessen“, erhoffte sich Hans Koschnick, damals jüngster Ministerpräsident in der Bundesrepublik.

Die universitätsinterne Debatte, was die geforderte „gesellschaftskritische Orientierung“ der wissenschaftlichen Ausbildung sein und bezwecken solle, geriet allerdings bald in die Fraktionskämpfe der Studentenbewegung. Aus Interdisziplinarität und Berufsfeld wurde die Forderung nach der „gesellschaftsverändernden Berufspraxis“. „Regionalbezug“ kam im Sprachschatz der Gründer jedenfalls nicht vor. Tneorie-und-Praxis-Verhältnis war das große Stichwort.

Gleichwohl griff der Anspruch des „Berufspraxisbezuges“ von Anfang an tief in die Region ein. Lehrerausbildung und Juristenausbildung, beide auf enge Verflechtung mit den Ausbildungsstationen außerhalb der Universität angewiesen, mußten sich an der Berufswirklichkeit des Stadtstaates abarbeiten. Das gelang unterschiedlich: konfliktreich bis zur gegenseitigen Sprachlosigkeit am Anfang in der Lehrerbildung, überraschend erfolgreich in der einstufigen Juristenausbildung, die Hochschullehrer und Praktiker über die Ausbildung der Rechtspraktikanten in Gerichten, Verwaltungen und Anwaltskanzleien und die gemeinsame Praxisreflexion in der Universität zusammenführte.

Beides waren jedoch „Überbaubereiche“. Der Anspruch, unmittelbar etwas für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen in der Region zu tun, kam von überraschender Seite. Im April 1971 überreichte der Hauptgeschäftsführer der Arbeiterkammer Bremen, Dr. Walter Franke, der Universitätsleitung eine Denkschrift mit dem Titel „Was erwartet die Arbeiterkammer Bremen von der neuen Bremer Universität?“

Die Arbeiterkammer – ähnliches gibt es nur noch im Saarland und in Österreich – ist eine gesetzliche Einrichtung zur Wahrnehmung von Interessen der gewerblichen Arbeitnehmer im Lande Bremen mit Zwangsmitgliedschaft, eigenem Beratungs- und Bildungswesen und Initiativrecht im Parlament.