Christof Wackernagels Debüt als Erzähler: „Nadja“

Von W. Martin Lüdke

Eine Short-Story. Eine der letzten Geschichten dieses Bändchens. Knapp, präzise, pointiert. Ein größeres Geschäft, um das es da geht. Riskant auch, ein Haufen Geld steht auf dem Spiel, und mehr als das. Der Erzähler springt mitten hinein in die Geschichte. Er trifft den Tonfall der Akteure, skizziert, fast beiläufig, die Atmosphäre, das Klima von Unsicherheit und Angst, die coole Großmäuligkeit, hinter der die Permanenz einer Bedrohung sichtbar wird.

„Das ist über ein Kilo’, sagte der eine. Sie lachte. ‚Nach dem Bust letzte Woche ist das das Doppelte wert‘, sagte er. ‚Nach dem Bust letzte Woche‘, wiederholte sie langsam und ernst. ‚Was willst du damit sagen?‘, fragte der andere und sprang auf. Er ging zum Fenster und schaute mißtrauisch hinunter. ‚Ich mag es nicht, wenn du deine Paranoia so offen heraushängen läßt‘, sagte sie und zog ihre Beine an...“

Die Handlung, es geht hier um Rauschgift, wird durch die Dialoge vorangetrieben. Die Spannung wird geschickt gesteigert, bis hin zu der überraschenden Pointe (die ich hier natürlich nicht verraten werde).

Wackernagels „Lovely Rita“ wäre also eine ordentlich, vielleicht ein wenig biedere (weil eben handlungsorientierte) Kurzgeschichte, gut, für einen Debütanten sogar erstaunlich gut erzählt; knapp, präzise, pointiert; solides Handwerk immerhin. Aber diese Geschichte ist mehr, wird mehr, im Zusammenhang dieses Buches, dem (wohlgemerkt) ersten Buch von Christof Wackernagel: „Nadja. Erzählungen und Fragmente.“

Geschichten also, Notizen, Skizzen, manches noch etwas roh und unfertig, was womöglich mehr den Bedingungen, unter denen diese Texte entstanden sind, anzulasten ist, weniger dem Autor. Im Ganzen gesehen: ein bemerkenswertes Debüt.