Dokumentenschwund

Der Studienrat Gustav Heinzelmann erfuhr durch Schüler, die er in Offenburg unterrichtet, von einer unerfreulichen Praxis. Er berichtete darüber in einem Brief an die Redaktion:

„Die 17jährige Schülerin Ingrid S. erhält auf ihre 35. Bewerbung die ebensovielte Absage. Ihre Bewerbungsunterlagen allerdings, die erhält sie nicht zurück. Nicht zum erstenmal und, da sie sich weiter bewerben wird, wohl auch nicht zum letztenmal.

Ähnlich wie Ingrid machen sehr viele Jugendliche die Erfahrung, daß ihre Bewerbungen nicht nur abgelehnt werden, sondern daß beigelegte Dokumente ihren Weg zurück zum Eigentümer nicht mehr finden. Die Kosten für eine Bewerbung mit Lichtbild, Zeugniskopien, handschriftlichem Lebenslauf und Porto belaufen sich auf gut und gerne fünf Mark.

Der Zeitaufwand für die Erstellung und Wiederbeschaffung der Bewerbungsunterlagen ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Bedenkt man nun, daß die Häufigbewerber – und das sind naturgemäß diejenigen, die ihren Weg ohne Vitamin B‘ finden müssen – nicht gerade zur sozialen Oberschicht gehören und dreißig Bewerbungen durchaus der Regelfall sind, dann können zehn oder auch nur fünf nicht zurückgesandte Unterlagen ein spürbares Loch in der familiären Haushaltskassen hinterlassen.

Genügt es nicht, daß die Jugendlichen infolge der zunächst meist erfolglosen Lehrstellensuche zermürbt, mutlos werden, daß sie zunehmend am Funktionieren unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems zweifeln müssen? Worin liegt der Sinn, daß Firmen diese für sie doch überflüssigen Dokumente einbehalten und vermutlich vernichten?“

Kanone auf Zeit