Von Joachim Dyck

November 1939 bis Mai 1940: Im winterlichen Elsaß wartet die französische Armee, anders als 1914, lustlos und in Langeweile auf den Beginn der Feindseligkeiten. Der Reservist Jean-Paul Sartre, der für eine Artillerieeinheit’ das Wetter beobachtet, macht die abstumpfende Leere produktiv und geht einer Beschäftigung nach, die von Kindesbeinen an den Sinn seines Lebens und den größten Teil seiner Lebenslust ausgemacht hat: Er schreibt.

Bis zu dreizehn Stunden täglich hockt er in ausgeräumten Klassenzimmern und heruntergekommenen Hotels und notiert, „was mein Kopf redet“ – so wird es später in der Autobiographie „Die Wörter“ heißen. Die ungewohnte Umgebung, in die der Pariser Intellektuelle geraten ist, reizt seinen Blick, das Bewußtsein verwandelt das Gesehene und Erfahrene in Wörter, die sich zu Aphorismen, Porträts, Geschichten, philosophischen Reflexionen verflechten: „Noch nie habe ich so deutlich gespürt, daß ich mit den Augen denke.“

Der „Berufsdenker“, der das Prinzip der freien Wahl und der absoluten Verantwortlichkeit („Wir sind verantwortlich für die Form und die Intensität unserer Leiden“) zum Grund der Existenz machen wird, gewährt sich dabei keinen Pardon: Ungeachtet der Schmerzen, mit denen die überanstrengten Augen ihn peinigen, schick er auf den philosophischen Grund des Seins und das Nichts und schreibt sich der Verwirklichung seines Lebensentwurfs entgegen – Schriftsteller und ein großer Mann zu werden.

In diesem Tagebuch sind schon die Formen des zukünftigen Œuvres angelegt: Ganze Passagen des philosophischen Hauptwerks „Das Sein und das Nichts“ (1943) werden in einem Zug druckreif auf die karierten Seiten gedrängt; wochenlang fesseln Sartre die Erinnerungen an seine Kindheit unter den Frauen des großväterlichen Haushalts („Die Wörter“, 1964); schon jetzt das widersprüchliche Verhältnis zu Flaubert, mit dem er sich die letzten zehn Jahre seines Lebens beschäftigen wird, („Der Idiot der Familie“, 1971).

Die täglichen Schreibexerzitien kommen aber in diesen Heften noch nicht an ihr Ende. Da sind die Briefe an Freunde, an Tania, an seine Mutter und an den „kleinen Castor“ – Simone de Beauvoir. Da ist die Arbeit an dem Roman „Zeit der Reife“: Die Reinschrift der ersten 180 Seiten ist angekommen, Sartre mäkelt an sich herum („zu lyrisch“), skizziert Änderungen und entwirft den Prolog.

Zu diesem Zeitpunkt gehört der Vierunaddreißigjährige bereits zu den Hoffnungen der jungen französischen Literatur, sein „metaphysischer Optimismus“ hat durch die Erfolge der letzten Jahre eine zuverlässige Bestätigung gefunden: Die Nouvelle Revue Française druckt 1937 die Novelle „Die Mauer“, bei Gallimard erscheint der Roman „Der Ekel“, für den Sartre 1940 den „Prix Populiste“ erhält, nachdem er für den „Goncourt“ und den „Renaudot “ im Gespräch war. Auf der philosophischen Haben-Seite steht die Abrechnung des Husserl-Schülers mit dem Meister („Über die Einbildungskraft“, 1936), die Studie über „Das Imaginäre“ (1940) liegt beim Verlag. Eine tragfähige Grundlage, wenn es um das Maßnehmen der eigenen Größe geht: „Ich war mir sehr bewußt, der junge Sartre zu sein, so wie man vom jungen Berlioz oder vom jungen Goethe spricht.“