Das Ende eines erfolgreichen Modellversuches

Uelzen

Feigling! Wetten, du fährst nicht!“ – „Schnauze da unten!“ ruft Jan zurück. Er wird es seinen Kumpels tief unter ihm in der Kiesgrube beweisen. Er steht mit seinem Motorrad am Rand der Abbruchkante. Dreißig Meter fällt sie steil in die Tiefe. Jan stellt sich aufrecht in die Pedale. Nur im Stehen kann er das Gleichgewicht auspendeln. Er zögert, gibt endlich Gas, fährt an. In Sekundenschnelle ist alles vorüber. Jan steht bei seiner Gruppe. „Mann, wie das schockt!“ sagt er.

Seit sechs Monaten trifft er sich einmal in der Woche mit zehn anderen Jugendlichen in der Kiesgrube, gute 20 Kilometer von der niedersächsischen Kleinstadt Uelzen entfernt, zum Geländetraining. Mittwochs sind sie in der Werkstatt, um Ketten zu fetten und die Maschinen zu pflegen. Trial-Fahren heißt ihre Leidenschaft, eine Sportart, bei der nicht Gasgeben, sondern nur Geschicklichkeit zählt.

Daß Jan und sechs andere der Gruppe nicht freiwillig hier sind, sondern vom Jugendrichter dazu verurteilt wurden, vermutet kein Außenstehender. Sechsmal hatte Jan schon vor dem Jugendrichter gestanden, hatte verschiedene Auflagen erfüllen und zuletzt sogar vier Wochen Arrest in Bremervörde absitzen müssen: Einzelzelle, Blechgeschirr, Stahltür mit Spion. „Keine Kumpels, niemand, mit dem man mal reden konnte. Immer nur Klammern zusammenstecken. Da wirst du doch ganz bescheuert“, erinnert sich Jan.

Das „Ehrgefühl“ wecken

Das geltende Jugendrecht erwartet anderes vom Arrest: Er soll das „Ehrgefühl“ des Jugendlichen wecken und ihn nachdrücklich auf den Ernst seiner Lage hinweisen. Jan gehörte zu jenen 60 Prozent der Rückfälligen, bei denen es nicht funktionierte. Kurz nach seiner Entlassung brach er einen blauen Opel Kadett auf. Vor sieben Monaten kam es zur bisher letzten Verhandlung. „Schädliche Neigungen“ hätten sie ihm diesmal unterstellen können, den gesetzlichen Ausdruck für all jene unerziehbaren jungen Kriminellen, die sich durch die üblichen Maßnahmen partout nicht haben bessern lassen wollen. Darauf steht die härteste Jugendstrafe: Jugendhaft zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.