Nach herkömmlicher Ansicht bedeuten sinkende Zinsen gleichzeitig steigende Aktienkurse. Der Verkauf der letzten Wochen hat dies bestätigt. Der Zins für langfristige Kapitalanlagen hat sich von zeitweise 8 1/4 Prozent auf 7 1/2 Prozent zurückgebildet, auf einen Stand, der zuletzt im ersten Halbjahr 1983 notiert wurde.

Bisher haben sich weniger Inländer durch die gesunkenen Zinsen zum Aktienkauf anregen lassen als Ausländer. Sie wollen den für sie günstigen Dollar-Kurs zum Erwerb deutscher Wertpapiere nutzen. Dem liegt die Erwartung zugrunde, sowohl an weiter steigenden Aktienkursen als auch an einer sich eines Tages wieder befestigenden Mark verdienen zu können.

Die Hoffnung auf steigende Aktienkurse an der deutschen Börse ließen sich die Ausländer durch Gewinnschätzungen namhafter -deutscher Banken untermauern.

Die deutschen Großanleger, vor allem die Versicherungsgesellschaften, vermögen dem Kursoptimismus der Ausländer nicht ungeschmälert zu folgen. Und auch für einen Teil der wertpapierinteressierten Privatkundschaft war die Hausse am deutschen Aktienmarkt „eigentlich“ schon im Februar dieses Jahres vorüber. Sie scheuen vor neuer Engagements zu einem Zeitpunkt zurück, der möglicherweise den Kursgipfel der Aufwärtsbewegung darstellt und es danach Jahre dauern kann, bis die jetzt erworbenen Papiere mit Gewinn verkauft werden können.

Zwar beurteilen auch die Inländer die weitere Konjunkturentwicklung positiv. Was sie zur Vorsicht mahnt, ist die Entwicklung der Devisenkurse. Es wird befürchtet, daß bei sich befestigender Mark immer mehr Ausländer Währungsgewinne realisieren wollen und sich zu diesem Zweck massiv von ihren deutschen Aktien trennen werden. Katastrophale Folgen für deren Kurse sind absehbar.

Ein weiterer Punkt, der inländische Anleger offensichtlich zur Vorsicht mahnt, liegt in der politischen Entwicklung in der Bundesrepublik. An den Börsen wurde der Atem angehalten, als das Ergebnis der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen vorlag.

Es gab diesmal keine Auswirkungen. Eine Kommunalwahl wird „draußen“ offenbar nicht ernstgenommen. Wie steht es aber mit den kommenden Landtagswahlen? Werden danach die Ausländer die Bundesrepublik als „politisch sicheres“ Land abschreiben? Es kommt auf die Ergebnisse an.