Eine Amerikanerin zu Gast bei Deutschen in Ost und West

Von Krista Weedman

Der Zug von Hamburg nach Rostock, wo ich ein Semester verbringen sollte, war eines der langsamen, muffigen Vorkriegsexemplare, wie sie im Osten häufig, im Westen kaum mehr vorkommen, und er war besetzt mit heimkehrenden Rentnern. „Sind Sie schon mal hier gewesen?“ fragte der Mann neben mir. Er freute sich, daß eine junge Amerikanerin eine Zeitlang in seinem winzigen Land leben wollte. Und wie so viele Amerikaner konnte ich die beiden deutschen Staaten nicht auseinanderhalten und sagte, ja, ich sei in Hamburg gewesen, in München, Köln ... Der Schmerz auf seinem Gesicht, als ich diese westdeutschen Städte nannte, lehrte mich, diesen Fehler nicht zu wiederholen.

Nach fast sechs Monaten in der kommunistischen DDR zog ich weiter und lebte neun Monate in der kapitalistischen Bundesrepublik. Die kulturellen Gemeinsamkeiten der beiden deutschen Gesellschaften haben mich ebenso verblüfft wie die Unterschiede ihrer wirtschaftlichen und politischen Strukturen. Erstaunlicherweise scheinen gerade die Gemeinsamkeiten von den Deutschen hüben und drüben unbemerkt zu bleiben. Als Amerikanerin habe ich getan, was Ost- und Westdeutschen nicht möglich ist: Ich habe in beiden Ländern gewohnt, studiert und bin in beiden Ländern gereist. Die Warmherzigkeit der Ostdeutschen, wenn das Eis einmal gebrochen ist, hat mich für sie eingenommen; ebenso wie alles was sie trotz ihrer begrenzten Situation – psychologisch, räumlich und gesellschaftlich – fertigbringen. Die Bundesrepublik macht einen enormen Eindruck auf den durchschnittlichen Ostdeutschen – durch ihr erfolgreiches kapitalistisches System, aber auch durch die Medien: Fernsehen und Rundfunk. Hingegen haben die meisten Westdeutschen, besonders die meiner Generation, kaum Interesse an der DDR und finden die „deutsche Frage“ kaum nachdenkenswert.

Als ich das letzte Mal in Rostock aus dem Zug stieg, wurde ich durch eine riesige rotweiße Aufschrift daran erinnert, daß ich eine andere Welt betreten hatte. „Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig“, wurde propagiert, „weil sie wahr ist.“ Die DDR ist eine bizarre Kombination aus solidem preußischem Deutschtum und einer aufgesetzten absolutistischen Ideologie, die seltsam deplaziert wirkt, eher für russische Bauern geeignet als für die kritischen, relativ „westlich“ orientierten DDR-Bürger.

Als Amerikanerin hatte ich einen doppelten Status. Einerseits war ich der kapitalistische Feind in der Sichtweise der offiziellen Äußerungen, andererseits – beschämenderweise – ein enorm privilegierter Gast aus einem Land, das sich viele als Paradies vorstellen. In der Universität unterlag ich quasi keiner Beschränkung hinsichtlich der Auswahl von Lehrveranstaltungen. Obwohl die meisten Professoren anfangs schockiert waren, als sie hörten, daß es amerikanische Austauschstudenten gäbe, freuten sie sich doch über die Tatsache als solche. Die Professorin für Politische Ökonomie sah mir jedesmal gerade in die Augen und lächelte, wenn sie mit ihrem unvermeidlichen Lehrsatz: „Meine Damen und Herren, der Sozialismus ist dem Kapitalismus überlegen“ jede Vorlesung schloß.

Die Ideologie verwirrte mich zusehends – doch das legte sich beinahe vollständig durch die menschlichen Kontakte. Die DDR-Bürger sind unglaublich offen und enorm wißbegierig. Ein oberflächliches Gespräch gab es in der DDR so gut wie nie. Die Menschen wollten sofort etwas über mein Leben wissen, meine Pläne und mein Land und auch gern von sich erzählen. So erfuhr ich, daß ihr Leben frei ist von der Art von Druck, den wir im Westen kennen. Der Arbeitsplatz ist ihnen sicher, das Einkommen stabil und ausreichend, um einen angemessenen Lebensstandard zu gewährleisten, Kriminalität in den Städten ist so gut wie unbekannt. Anders als in vielen osteuropäischen Ländern ist hier praktisch nichts knapp, obwohl frisches Obst und Gemüse selten sind. Die DDR-Bürger gelten im Ostblock als reich, aber sie entschuldigen nahezu ständig ihr „armes“ Land, weil sie sich nur mit dem kapitalistischen Westdeutschland messen, das nun einmal eines der wohlhabendsten Länder der Welt ist.