Ist in Sri Lanka noch eine friedliche Lösung möglich?

Von Gabriele Venzky

Colombo, im Oktober

Unter den fröhlichen Klängen von "By the rivers of babylon" verläßt der Expreß Nr. 03 kurz vor Morgengrauen die ceylonesische Hauptstadt Colombo. Schwankend rumpeln die Wagen über die ausgefahrenen Geleise, vorbei an den engen Quartieren der Armen, über deren Hütten der erste Rauch der Frühstücksfeuerchen aufsteigt, vorbei an den verwaschenen Fassaden der Kleinindustrie, läßt die verwitterten Vorstädte hinter sich. Zwischen den tiefhängenden und schweren Wolken eines überraschend hereingebrochenen Monsuns versucht sich die Sonne hervorzukämpfen. Ihre ersten Strahlen tauchen die Reisfelder, auf denen die frische Saat die Köpfe aus dem Wasser zu stecken beginnt, in frisches, saftiges Grün.

Aus dem Zuglautsprecher erschallen inzwischen die letzten Hits. Wir fahren durch tropische Wälder; am Horizont tauchen bald die ersten Berge des Hochlands auf, an deren Hängen Zimt und Muskat, Kakao und Safran wachsen, und natürlich Gummi und Tee, Tee und nochmals Tee. Sri Lanka ist eines der schönsten Länder Asiens, ein kleines Paradies, und der Zug Nummer 03 fährt durch die schönsten Gegenden dieses Landes. Es könnte eine Ausflugsfahrt sein, wenn da nicht die Soldaten wären. Das Gewehr schußbereit an der Hüfte stehen sie zu zweit an jeder Waggontür, laufen in Doppelstreifen durch den Zug, mustern aufmerksam jeden Reisenden und schwitzen fürchterlich unter ihren abgewetzten Stahlhelmen.

Das Bild vom Paradies Sri Lanka hat einen Knacks bekommen, und der Expreß Nummer 03 ist ein Sicherheitsrisiko. Denn er fährt nach Norden, nach Jaffna, wo die Tamilen wohnen. Von Colombo aus hat man den Eindruck, er bewege sich in Richtung Feindesland. "Fahren Sie lieber nicht!" hatte man mich in der Hauptstadt gewarnt. "Es ist viel zu gefährlich." Allerdings ist es auch kein Wunder, daß die Freunde besorgt sind. Kein Tag vergeht, an dem die Zeitungen nicht von Anschlägen und Überfällen der Terroristen berichten, von Bombenattentaten, Raubzügen und blutiger Selbstjustiz, wobei aus jedem gewöhnlichen Verbrecher ein Terrorist gemacht wird. Im Norden, so erzählt man sich im Süden, herrscht seit einem halben Jahr das totale Chaos. Die Warnungen, auf die Reise zu verzichten oder doch wenigstens das Flugzeug zu nehmen, sind gut gemeint. Der Zug ist ein reiner Tamilenexpreß. Nur alle zwei Tage verkehrt er noch. In Anuradhapura, der alten Königsstadt, steigen die letzten Singnalesen aus. Auf dem Bahnsteig steht viel Militär. Ich bin die einzige Ausländerin im Zug. "Danke, daß Sie gekommen sind", sagt der Mann neben mir und spendiert eine Limonade. Er ist Vorarbeiter in einer Fabrik im Süden. Trotz eines glänzenden Abiturs hätten sie ihn nicht an die Universität gelassen, weil die Aufnahmezahlen für Tamilen beschränkt seien. Und dann spricht er nur noch von Diskriminierungen, beim Studium, bei der Vergabe öffentlicher Stellen, Diskriminierung in allen Bereichen.

Auch er hält das Jahr 1956 für die Wendemarke. Damals wurde das "Sinhala only"-Gesetz verabschiedet, in dem die Vorrangstellung der Singhalesen festgeschrieben wurde. Damit seien die Weichen gestellt worden für die Tamilen-Pogrome der folgenden Jahre, 1958, 1977, 1981, und dann die bisher blutigste Tamilenverfolgung im vergangenen Jahr, bei denen mehrere hundert Menschen ums Leben kamen. Die Ruinen der damals zerstörten Häuser sind noch heute überall zu sehen. Seit diesem Jahr gibt es im Norden die Gegenschläge der Terroristen. Dort werden sie freilich nicht so genannt, dort feiert man sie als Freiheitskämpfer. Mehr als dreihundert Tote wurden in den vergangenen Wochen gezählt, und jeden Tag verhärten sich die Fronten mehr.