Von Ulla Plog

Es war bei Petras Konfirmation. Die Familie saß zusammen und unterhielt sich darüber, daß eine Tante gerade ein Adoptivkind aufgenommen hatte. „Die soll sich mal nicht einbilden, daß das so leicht ist“, sagte die 13jährige Petra plötzlich zu ihrer Mutter, „das ist ganz schön blöd, wenn man überlegen muß, woher man kommt.“ Die Mutter antwortete: „Das weiß ich“ – leise und fast ein bißchen nebenher, so als handele es sich gar nicht um einen besonders dramatischen Augenblick in ihrem Leben. Das Adoptivkind, das längst ihr Kind geworden war, hatte soeben die Illusion zerstört, zu sein wie das eigene: Es gab noch andere, die leiblichen Eltern. Ungefähr in dieser Zeit sagte die Adoptivmutter auch zu Petra: „Deine Mutter steht im Telephonbuch, und wenn du willst, kann ich dir ja helfen.“ „Nee, nee“, sagte Petra, „das mach’ ich schon selber.“ Doch es dauerte noch zwei Jahre, bis sie anfing zu suchen.

Der weitaus größte Teil aller Adoptierten beschäftigt sich in der Kindheit und Jugend gedanklich mit den biologischen Eltern – zu dieser Erkenntnis kommt die Soziologin Christa Hoffmann-Riem in ihrer wissenschaftlichen Studie „Das adoptierte Kind“. An Hand von Stichproben aus den letzten 15 Jahren arbeitet die Hamburger Professorin in dieser ersten großen Untersuchung Erfahrungsstrukturen von Adoptivfamilien in der Bundesrepublik heraus, die ein deutsches Kind aufgenommen haben. Vieles hat sich verändert in diesem Zeitraum: Die Adoption ist für kinderlose Ehepaare mittlerweile eine gesellschaftlich anerkannte Möglichkeit zur Familiengründung geworden. Sie wird nicht länger als eine Art Staatsgeheimnis behandelt, das dem Adoptierten in einem Akt von Offenbarung drei Tage vor der Hochzeit enthüllt wird. Die meisten Adoptivkinder wachsen heute mit dem Wissen ihrer Herkunft auf und die Eltern vertreten sie selbstbewußt nach außen. Dies alles hat ein neues Kapitel in der Geschichte der Adoption eingeleitet. Die Studie, die auch Petras Geschichte enthält, liest sich wie dessen erste Bilanz. Doch schon haben ihre Ergebnisse in Hamburg für politische Auseinandersetzungen gesorgt Dort hat die Leiterin des Jugendamtes, Dorothee Bittscheidt-Peters, Anweisung gegeben, die Adoptionsakten nach drei und nicht, wie bislang und bundesweit üblich, nach 30 Jahren dem Reißwolf zu übergeben. Sie begründete ihre Entscheidung mit dem Datenschutz – zu schützen sei die leibliche Mutter. Die Unterlagen enthalten manchmal wenig Erbauliches – besonders dort, wo eine Sozialarbeiterin vor der Aufgabe stand, eine Zwangsadoption zu begründen.

Christa Hoffmann-Riem hält die Folgen dieses Beschlusses für ein Unglück. Würde doch die Aktion des Amtes für den einen oder anderen Adoptierten nichts geringeres bedeuten als von seiner Vergangenheit abgeschnitten zu sein. Zudem würde die Adoptionsstelle ihre Funktion als letztes Bindeglied zwischen der Zeit vor und nach der Adoption sowie die Aufgabe einer zaghaften Nachsorge verlieren. Heranwachsende Adoptierte auf Spurensuche stellen hier gelegentlich die Frage, die Kinderseelen so verletzt: „Warum hat sie mich weggegeben?“ Bisher wurde dieses Angebot nicht allzuoft in Anspruch genommen, aber Christa Hoffmann-Riem prophezeit: „Die Zahl wird steigen.“

Die kleine Gruppe, der es schließlich gelang, Frauen aus der SPD-Fraktion zu überzeugen und die Entscheidung über die neue Praxis zu vertagen, besteht vor allem aus Adoptiveltern – jenen Menschen, deren Seelenfrieden man durch die Dokumente aus der Vergangenheit der Kinder für gefährdet hält. Haben sie aus Bemerkungen wie der von Petra gelernt? Die Tatsache, daß sie glauben, für sie selbst und ihre aufgenommenen Kinder sei es das Beste, deren Vergangenheit zugänglich zu halten, markiert einen klaren Umdenkungsprozeß. Vor einigen Jahren noch glaubten alle, das gehe so einfach: Man adoptiert ein Kind möglichst als Säugling, bei der ersten Gelegenheit wird es eben aufgeklärt – und dann wächst es wie von selbst in seine neue Familie hinein. –

Es bedurfte erst einer längeren Erfahrung mit der offenen Art der Adoption, um Klarheit darüber zu gewinnen, welche Bedeutung die Abstammung für das Kind hat. Unabhängig von den Umständen der Adoption, das geht klar aus dieser Untersuchung hervor, bleiben die leiblichen Eltern immer die unbekannte Größe im Leben einer Adoptivfamilie. „Das Kind hat ein natürliches Interesse an ihnen“, resümiert Christa Hoffmann-Riem, „dieses Interesse ist wie ein Grundrecht an seiner Herkunft und hat überhaupt nichts mit der Liebe zu den Eltern zu tun, die es aufgezogen haben. Es ist offenbar bedeutsam für einen Menschen zu wissen, wer Vater und Mutter sind.“

Auf die Frage des Dreijährigen „War ich auch in deinem Bauch?“ werden Adoptiveltern heute schon von den vermittelnden Behörden vorbereitet. Sie nehmen sich vor, natürlich und ein bißchen locker zu bleiben, und sind im entscheidenden Moment ganz erleichtert, daß kein Engel durch den Raum geht. Das Kind nimmt die Antwort nämlich gelassen auf und wendet sich wieder seinem Spaghetti-Teller zu. Es weiß noch gar nicht, daß es eine Ausnahme ist.