Der versammelte Süden meldet sich zu Wort. Bayern grummelt nicht mehr im Solo, Baden-Württemberg hat sich in unübersehbarer Weise angeschlossen. Auf Seite eins des Bayernkurier, dort, wo sonst nur der Meister persönlich das Wort führt – oder eines seiner Sprachrohre tönt –, läßt diesmal Lothar Späth schreiben. Als Federhalter dient ihm sein Staatssekretär.

Legitimiert durch „das Gewicht des Südens“ in der Union, wird Bundeskanzler Helmut Kohl deutlich davor gewarnt, die Geschäfte länger schleifen zu lassen. Als Kronzeuge der Anklage dient Konrad Adenauer mit einem Wort aus dem Jahre 1966, kurz bevor Ludwig Erhard gestürzt wurde: „Gerade die Arbeit in der Gemeinde ist besonders wichtig, weil hier der Wähler unmittelbar sieht, was die Führung leistet und was sie nicht leistet.“

Was die Koalition in Bonn nicht leistet, haben die Christdemokraten bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen erfahren. Seitdem liegen die Nervenenden bei den Verantwortlichen bloß, auch bei Lothar Späth. In drei Wochen steht ihm eine Kommunalwahl bevor. Niemand glaubt an große Verluste, aber auch nicht an Gewinne. Wo aber Prozente und Stimmen der einzige Maßstab des Erfolgs sind, gilt Stillstand schon als Rückschritt. Der Süden marschiert auf. Er war es, nicht der Norden, der Kohl die Mehrheit und die Macht brachte. Er ist es jetzt, der die Ansprüche an den Kanzler formuliert. Bayern steht nicht mehr allein. N. G.