Über hundert Blätter aus der Sammlung der Brüder van der Grinten, die zu den ältesten Beuys-Getreuen zählen. Kein unbekannter, aber ein bislang unveröffentlichter Werkausschnitt: „Ölfarben (1949-1967)“. Beuys, der Fluxuskünstler, der Lehrer, der Parteigründer, -förderer oder -kandidat, der Plastiker, Zeichner und Maler: Das eine Ausdrucksmittel geht in das andere über. Mediale Grenzen kennt der schöpferische Prozeß hier nicht. Gerade die Vielgestaltigkeit des Werks ist selber schon Symbol für Beuys beständigen Versuch, kategoriale Trennungen aufzuheben. Auch das „Malerische“ dieser Blätter, die jetzt die Tübinger Kunsthalle zum erstenmal zeigt, spielt auf das eine durchgängige Werkthema an. Wie schon bei den Zeichnungen der behutsame Strich alles Bezeichnende, Definierende vermeiden möchte, so holt der Maler auch hier großzügig aus, wenn er die Farbe aufträgt. Die Farbe, meist jene eigentümliche Tonmischung aus frischer Erde und trockenem Blut, fließt breit, läßt alles im Fluß: So verschwimmen die Blätter untereinander zu einer einzigen Ausdrucksgebärde. Was sie zeigen, ist Typologisches, nicht Individuelles: Menschen, Frau, Mann, Kind, dankend, hockend, tanzend, sich zugewandt, mit Körper oder Geist beschäftigt; Tiere, Herdentiere und Einzelgänger; Gerätschaften, Schlitten, Krummstab und Webstuhl. Bildzeichen, die ihre Bedeutung erst in der wechselseitigen Zuordnung finden, indem sie sich ergänzen, entsprechen oder verbinden. Wie Beuys’ Aktionen, viele seiner plastischen Arbeiten, sein politischer Einsatz, so imaginieren auch die Blätter der Tübinger Ausstellung das alte monistische Ideal, in dem Natur, Mensch und Technik, Wissenschaft und Spiritualität ein gefügtes Ganzes bilden. Im „Fließen“ versinnlicht sich dabei für Beuys der Widerspruch der künstlerischen Existenz gegen die Verfestigungen von Materie, Form und Ideen. Vielleicht bewahren die „Ölfarben“ dieses immer wieder variierte Ziel noch glaubhafter als die Tafeln mit den Kreideschrift-Diagrammen, die Ende der sechziger Jahre aus dem Malansatz hervorgegangen sind. Was hier zu einer auf Einsicht zielenden Formel geworden ist, hat dort noch die Würde des alle seine Energien in sich schließenden Bildes. (Tübinger Kunsthalle bis 28. Oktober; Katalog 34 Mark) Hans-Joachim Müller